Ärzte Zeitung, 18.06.2010

"Aufklärung ist tatsächlich erfolgreich"

Interview

Tag des Cholesterins:
"Aufklärung ist tatsächlich erfolgreich"

Immer mehr Menschen werden adäquat gegen zu hohe Cholesterinwerte behandelt. Professor Achim Weizel von der Lipid-Liga erkennt darin auch einen Erfolg von Aufklärungs-Kampagnen.

"Aufklärung ist tatsächlich erfolgreich"

Modell eines Plaques in einer Arterienwand. Platzt ein solcher Plaque, steht mitunter das Leben auf dem Spiel.

© Pfizer

Ärzte Zeitung: Was bezwecken Kampagnen wie der "Tag des Cholesterins"?

Professor Achim Weizel: Obwohl Cholesterin, Hypertonie, Zigarettenrauchen und Diabetes bekannte Risikofaktoren für die Entstehung einer KHK sind, hat es sich gezeigt, dass unermüdliche und umfangreiche Aufklärung absolut notwendig ist. Denn so können wir Patienten und Ärzte motivieren, Anstrengungen zur Prophylaxe und Therapie zu unternehmen. Dies gilt insbesondere für das Cholesterin, das in der Gruppe der anerkannten Risikofaktoren den schwersten Stand hat. Der Grund liegt einmal darin, dass auch höchste Cholesterinwerte nicht von Beschwerden begleitet sind und wir andererseits immer noch mit verharmlosenden und irreführenden Behauptungen zu kämpfen haben.

Ärzte Zeitung: Wie erfolgreich war die Kampagne bislang?

Professor Achim Weizel

Professor Achim Weizel

© Lipid-Liga

Aktuelle Position: Professor Dr. med. Achim Weizel ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselstörungen und ihren Folgeerkrankungen DGFF (Lipid-Liga) e.V.

Karriere: Weizel war bis Anfang 2006 als internistischer Chefarzt am Diakoniekrankenhaus in Mannheim tätig. In Mannheim hat der gebürtige Hamburger 25 Jahre lang gearbeitet. Ausgebildet wurde er in Heidelberg und den USA.

Weizel: Es ist ganz eindeutig, dass die Aufklärungsarbeit von uns und von anderen Seiten Erfolge verzeichnet. So hat sich der Anteil der Patienten, die nach Herzinfarkt konsequent mit Lipidsenkern behandelt werden, in den vergangenen fünf Jahren von etwa 20 Prozent auf mehr als 50 Prozent erhöht. Dies ist immer noch zu wenig, aber eindeutig ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Ärzte Zeitung: Wie viele Menschen hierzulande kennen denn ihre Cholesterinwerte? Gibt es da Erfahrungen?

Weizel: Anlässlich unserer Kampagne bieten wir ja immer kostenlose Messungen an und führen Befragungen durch. Demnach kannten etwa 60 Prozent der erfassten Personen ihre Cholesterinwerte nicht und zirka 30 Prozent wiesen tatsächlich erhöhte Werte auf.

Ärzte Zeitung: Sie haben für die diesjährige Kampagne das Motto "Cholesterin kann auch gut sein" gewählt - warum?

Weizel: Nachdem sich die Forschung jahrzehntelang auf die Therapie des LDL-Cholesterins beschränkt hat und dieses als "schlechtes Cholesterin" auch in der Bevölkerung bekannt ist, richtet sich das Interesse im Augenblick auf das HDL-Cholesterin. Dieses besitzt eine Schutzfunktion, allerdings sind die Verhältnisse leider nicht so eindeutig wie beim LDL-Cholesterin. Das liegt daran, dass das HDL-Cholesterin wesentlich komplexere Aufgaben erfüllt als das LDL. Es scheint so zu sein, als ob eine einfache Erhöhung der Konzentration möglicherweise nicht immer ausreicht.

Ärzte Zeitung: Es gibt immer wieder Publikationen wie das Buch "Die Cholesterinlüge", in denen der Zusammenhang zwischen erhöhten Cholesterinwerten und KHK bestritten wird - wie gehen Sie damit um?

Weizel: Hier hilft nur Aufklärung, Aufklärung und nochmals Aufklärung. Denn solche Publikationen verunsichern sicherlich viele Patienten, die wegen erhöhter Cholesterinwerte in Behandlung sind. Dabei gibt es nur wenige Gebiete in der Medizin, in denen die kausalen Zusammenhänge so klar sind wie zwischen erhöhten Cholesterinwerten, Atherosklerose und KHK - gut belegt sowohl durch große epidemiologische Untersuchungen wie Framingham und PROCAM als auch durch genetische Untersuchungen. Letztere zeigen, dass Menschen mit einem angeborenen lebenslangen niedrigen LDL-Cholesterin, dem sogenannten PCSK-9-Defekt, deutlich seltener Infarkte bekommen.

Ärzte Zeitung: Was raten Sie Ärzten, die von verunsicherten Patienten angesprochen werden?

Weizel: Ärzte können ihren Patienten erklären, dass es nicht nur epidemiologische und genetische Untersuchungen gibt, sondern darüber hinaus auch weitere zahlreiche Therapiestudien. Diese belegen, dass die Reduktion des LDL-Cholesterins zu einer Senkung der Morbidität und teilweise auch der Mortalität führt. Und zwar unabhängig davon, ob das Cholesterin mittels Medikamenten oder Lebensstiländerungen gesenkt wurde.

Das Gespräch führte Sabine Stürmer

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