Ärzte Zeitung, 30.04.2004

Patienten zögern zu lange bei Infarkt

Prähospitalzeiten bei Herzinfarkt nahmen in sieben Jahren um eine halbe Stunde zu

MANNHEIM (wst). Herzinfarkt-Patienten brauchen wieder länger als noch vor einigen Jahren, bis sie in eine Klinik kommen. Obwohl die meisten Patienten die Kardinalsymptome bei einem Herzinfarkt gut kennen, zögern sie, im Notfall einen Arzt zu rufen.

1995 dauerte es in Deutschland im Schnitt zwei Stunden und 46 Minuten von den ersten deutlichen Herzinfarktsymptomen bis zur stationären Aufnahme. Diese Zeitspanne hat sich bis zum Jahr 2002 auf drei Stunden und zehn Minuten verlängert. Das ist das Zwischenergebnis eines nationalen Forschungsregisters, das Professor Jochen Senges aus Ludwigshafen auf dem Kardiologenkongreß in Mannheim präsentiert hat.

Daß die Patienten überhaupt so viel Zeit verlieren, liege in erster Linie an ihnen selbst. Obwohl Kardinalsymptome wie Brustenge, Brustschmerzen und Übelkeit den meisten bekannt seien, werde ein begründeter Verdacht zu lange verdrängt. Im Schnitt wird mehr als zwei Stunden gewartet, bis Not- oder Hausarzt angerufen werden. Und die Patienten warten auch schon mal einen Tag lang, wenn Symptome auftreten, die sie nicht direkt mit einem Herzinfarkt in Verbindung bringen, etwa Oberbauchbeschwerden oder Unterkieferschmerzen.

Etwa 50 Prozent der Patienten mit einem Herzinfarkt artikulieren selbst diesen Verdacht. Die andere Hälfte meldet sich aufgrund von Selbstdiagnosen wie Magenbeschwerden, Rheuma oder Atemwegserkrankungen, so Senges. Um Infarkt-Patienten so schnell wie möglich in die Klinik zu bringen, seien kontinuierliche Medienkampagnen nötig, die den Patienten auffordern, bei Symptomen lieber einmal zu viel als einmal zu wenig einen Notarzt zu rufen.

Nur wer diese Botschaft immer wieder hört - vor allem von seinem Hausarzt - handelt im Notfall richtig. Senges erinnerte an ein Projekt in Ludwigshafen, bei dem es über Aufklärungskampagnen in Medien, Arztpraxen und Apotheken gelungen war, innerhalb von zwei Jahren die Prähospitalzeit im Schnitt von vier auf zwei Stunden zu verkürzen. Nur wenige Monate nach Projektende ging dieser Zeitgewinn jedoch wieder verloren.

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