Ärzte Zeitung, 11.03.2005

Plättchenhemmer erweitert Therapie bei frischem Herzinfarkt

Neue Studien belegen Nutzen von Clopidogrel zusätzlich zum Standard / Weniger schwere Komplikationen / Blutungsrate wird nicht erhöht

ORLANDO (ner/Rö). "Die Zusatzbehandlung mit Clopidogrel erhöht bei Patienten mit frischem Myokardinfarkt und ST-Strecken-Hebung signifikant die Offenheitsrate der Koronararterien", sagte Dr. Marc S. Sabatine beim US-Herbstkongress in Orlando.

Dies belegen die beim Herzkongreß erstmals vorgestellten Ergebnisse der CLARITY-TIMI-28-Studie* mit knapp 3500 Patienten mit Herzinfarkt und ST-Strecken-Hebung. Daß Clopidogrel bei Patienten ohne ST-Streckenhebung die Ereignisrate vermindert, war bereits aus der CURE-Studie belegt.

An der neuen Studie haben jetzt Patienten zwischen 18 und 75 Jahren teilgenommen, die längstens seit zwölf Stunden charakteristische Infarkt-Symptome hatten. Ausgeschlossen waren solche Patienten, die bereits eine Bypaß-Op erhalten hatten und solche, die wegen ihrer individuellen Heparin-Therapie ein erhöhtes Blutungsrisiko hatten.

Alle erhielten die Standardtherapie mit Fibrinolytika, Heparin, das je nach Körpergewicht dosiert wurde, und Acetylsalicylsäure. Zudem hatten sie nach Zufallsauswahl einen 300-mg-Bolus Clopidogrel, gefolgt von täglich 75 mg des Wirkstoffes für acht Tage oder bis zur Entlassung oder Placebo erhalten, so der Kardiologe von der Harvard-Universität in Boston.

Bei der Zusatzbehandlung mit dem Plättchenhemmer war die Rate des primären kombinierten Endpunktes - verbleibende verschlossene Koronararterien, Re-Infarkte oder Tod - um 36 Prozent niedriger als bei den Patienten, die zur Standardtherapie Placebo erhalten hatten: Dort hatten 22 Prozent ein solches Ereignis, bei der Clopidogrel-Therapie waren es 15 Prozent - ein signifikanter Unterschied.

Bei den angiographischen Untersuchungen zeigte sich, daß die Blutflußrate mit Clopidogrel im Vergleich zu Placebo signifikant erhöht war. Einen Re-Infarkt hatten 3,6 Prozent von den mit Placebo Behandelten, mit der Zusatztherapie waren es 2,5 Prozent. Der Unterschied ist nicht signifikant.

Die Sterberate war in beiden Gruppen mit 2,2 und 2,6 Prozent nicht signifikant verschieden. Diese Effekte hätten sich in allen Subgruppen gezeigt, betonte Sabatine, unabhängig von Geschlecht, Alter oder Art der Fibrinolytika oder der Auswahl des Heparins.

Die Blutungsrate, der primäre Endpunkt für die Sicherheit, war bei Clopidogrel nicht erhöht. Diese Rate lag bei beiden Therapien zwischen einem und zwei Prozent. In einem Online vom "New England Journal of Medicine" veröffentlichen Editorial weisen Dr. Richard A. Lange von der Johns Hopkins University in Baltimore und Dr. L. David Hillis von der University of Texas in Dallas darauf hin, daß besonders ausgewählte Patienten an der Studie teilgenommen hatten.

Denn in beiden Gruppen sei die 30-Tage-Sterberate mit drei Prozent für Herzinfarktpatienten ungewöhnlich niedrig gewesen. Die Studie läßt zudem keine Aussage über den Nutzen einer Clopidogrel-Therapie zu für Patienten, die eine Standarddosis Heparin erhalten oder einen Bypaß haben.

Bestätigt werden die Ergebnisse durch eine Mega-Studie aus China, die Dr. Zhengming Chen aus Oxford in Großbritannien vorgestellt hat. In COMMIT/CCS 2* hatten 45 000 Patienten mit Herzinfarkt oder Verdacht auf Herzinfarkt binnen 24 Stunden zur Standardtherapie 75 mg Clopidogrel (in Deutschland als Plavix® und Iscover® auf dem Markt) oder Placebo erhalten.

Die kombinierte Rate von Tod, Re-Infarkt oder Schlaganfall im Monat danach war mit 9,3 Prozent im Vergleich zum Standard mit 10,1 Prozent verringert. Auch hier erhöhte sich die Blutungsrate durch den Zusatz nicht. Das bedeute, daß durch den Plättchenhemmer pro 1000 Patienten zehn schwere Komplikationen verhindert werden können, so Chen. "Pro einer Million Herzinfarkt-Patienten, die zwei Wochen lang Clopidogrel einnehmen, verhindert man 5000 Todesfälle und 5000 nicht-tödliche Zwischenfälle."

*CLARITY-TIMI 28 - Clopidogrel as Adjunctive Reperfusion Therapy (CLARITY) Thrombolysis In Myocardial Infarction (TIMI) 28 Trial, *COMMIT/CCS 2 - Clopidogrel and Metoprolol in Myocardial Infarction Trial

Die Ergebnisse der CLARITY-Studie sind unter: www.NEJM.org veröffentlicht worden, die Ergebnisse der COMMIT-Studie kann man sich als Powerpoint-Datei herunterladen: www.commit-ccs2.org

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Sind Computer bald die besseren Therapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »

Kollege Computer, übernehmen Sie!

Eine computer-basierte Verhaltenstherapie kann Insomnie-Patienten den Schlaf zurückgeben. Der Erfolg ist ähnlich gut wie durch menschliche Therapeuten, bescheinigt ein kalifornischer Professor. mehr »

Kein frisches Geld in Sicht

Die umfassende Studien-reform soll zunächst ohne zusätzliches Geld auskommen. Darauf haben sich Bund und Länder geeinigt, wie aus dem vertraulichen Papier hervorgeht. mehr »