Ärzte Zeitung, 07.11.2005

HINTERGRUND

Hausärzte können mit Risikopatienten den Ernstfall Infarkt trainieren

Von Nicola Siegmund-Schultze

Um eine Stunde im Durchschnitt hat sich - wie berichtet - die Prähospitalzeit bei Patienten mit Herzinfarkten in Deutschland zwischen 1995 und 2004 verlängert, und zwar von 166 auf 225 Minuten.

An den Rettungsdiensten liegt es nicht: Wer die Rufnummer 112 wählt und lebensbedrohliche Symptome schildert, wird meist innerhalb von zehn, höchstens 15 Minuten vom Notarzt versorgt. Darauf wurde in Frankfurt am Main bei einer Veranstaltung der Deutschen Herzstiftung zur Herzwoche hingewiesen. Die Herzwoche läuft noch bis zum 11. November.

An Schwierigkeiten mit der Diagnostik liegt es ebenfalls selten: "Der Notarzt hat meist in fünf Minuten eine Verdachtsdiagnose gestellt und leitet ohne Verzögerung eine entsprechende Versorgung des Patienten ein", sagt Professor Thomas Meinertz vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Auch die Transportzeiten in eine Klinik seien in den vergangenen Jahren eher kürzer geworden.

Eigentlich kennen Patienten die Symptome bei Herzinfarkt

Das Problem liegt bei den Patienten. Nicht, daß sie die Zeichen eines Herzinfarktes nicht kennen würden. Eine repräsentative Umfrage von Emnid im Oktober dieses Jahres ergab: Drei Viertel der Deutschen wissen, daß die Ursache von Symptomen wie plötzlich auftretende, anhaltende Schmerzen und ein Engegefühl im Brustkorb ein Herzinfarkt sein kann. 90 Prozent der Befragten gaben an, sie würden bei solchen Beschwerden sofort den Arzt zu rufen.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Eine Blitzumfrage der Deutschen Herzstiftung im vergangenen Jahr unter 159 Patienten mit Herzinfarkt, die auf Intensivstationen lagen, ergab: Nur 39 Prozent hatten innerhalb von 60 Minuten nach Beginn der Symptome einen Arzt benachrichtigt. 53 Prozent ließen über drei Stunden vergehen, bis sie ärztliche Hilfe holten. Als Gründe für das Warten nannte die Hälfte der Befragten die Vorstellung, die Beschwerden würden von selbst verschwinden. 25 Prozent wollten den Arzt nicht stören.

"Wenn man weiß, daß die besten Ergebnisse bei der Behandlung von Herzinfarktpatienten in der ersten Stunde nach Beginn der Beschwerden erzielt werden, sind diese Verzögerungen sehr bedauerlich", so Professor Hans-Jürgen Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung.

Warum warten Menschen bei Herzinfarkt-Symptomen immer länger, obwohl sie wissen, was zu tun ist? Und wie kann die Deutsche Herzstiftung in ihren Aufklärungskampagnen darauf reagieren? Eine Antwort versucht der Psychiater und Psychotherapeut Professor Karl-Heinz Ladwig vom Klinikum rechts der Isar in München zu geben. Er meint, die Verleugnung des Themas Infarkts müsse zum Thema gemacht werden.

Selbst bei Todesangst greift nicht mal jeder zweite zum Telefon

Ladwig schließt aus eigenen Untersuchungen, daß es bei vielen Menschen eine große innere Blockade gibt, auf Infarkt-Symptome angemessen zu reagieren. So gaben 20 Prozent der über das Augsburger Herzinfarktregister befragten Männer an, Todesängste bei der Herzattacke ausgestanden zu haben; bei den Frauen waren es 25 Prozent. Trotzdem benachrichtigen nur etwa 40 Prozent der Betroffenen innerhalb von vier Stunden den Arzt.

Auch bei einem Reinfarkt, bei dem 80 Prozent der Betroffenen angeben, Prodromalzeichen gespürt zu haben, verkürzt die Vorerfahrung die Reaktionszeit nach Angaben Ladwigs nicht, im Gegenteil: Tendenziell dauert es sogar länger, bis Hilfe geholt wird.

Drei Persönlichkeitstypen neigen zur Verleugnung eines Infarktes, meint Ladwig: Es gibt die ängstlich vermeidenden Menschen, die befürchten zu übertreiben und sich nicht trauen, die hochtechnische Reaktionskette in Gang zu setzen. Es gibt den Typus der "Unverwundbaren", für die Krankheit eine narzißtische Kränkung bedeutet.

In diese Gruppe gehören auch ehrgeizige, leistungsorientierte Menschen. Und es gibt den Typus, der die Bedrohung aktiv abwehrt, um nicht von Todesangst überwältigt zu werden. Diese Gruppe und die ängstlich-vermeidenden Menschen seien besonders gefährdet, trotz schwerer Symptome und Todesängsten stundenlang zu warten, bis sie Hilfe holten.

Nach Meinung von Ladwig haben Hausärzte, Internisten und Kardiologen eine Schlüsselposition, um die Schwelle zur angemessenen Reaktion beim Patienten zu senken. "Hausärzte sollten mit dem Risikopatienten Vorzeichen und Konsequenzen eines solchen Notfalls ansprechen, ohne Angst hervorzurufen - zugegebenermaßen ein Balanceakt", sagte Ladwig.

Zu einem solchen Gespräch gehöre, Patienten die Prodromalzeichen zu erläutern und zu vermitteln, wie wichtig es ist, den Arzt über solche Beschwerden zu informieren. Symptome sind zum Beispiel eine Erschöpfung im Sinn eines allgemeinen Leistungsabfalls in den letzten Monaten vor dem Ereignis, der bei männlichen Infarktpatienten vor allem den Partnerinnen auffalle.

Auch Atemnot bei körperlicher Aktivität, Brennen hinter dem Brustbein, vor allem bei Kälte, Brustschmerzen beim Treppensteigen treten oft schon Tage oder Wochen vor dem Infarkt auf. Danach gelte es zu besprechen, was im Fall eines Myokardinfarktes zu tun sei. Damit wird die Chance erhöht, daß Patienten sich im Notfall auf das Gespräch besinnenn und - gestützt von Ratschlägen und der Autorität des Arztes - richtig handeln.

Bei leichten, plötzlich auftretenden Beschwerden im Brustkorb könne eine Herznotfall-Ambulanz angerufen werden, falls es sie in der Nähe gebe, rät Becker. Bei starken Beschwerden, die länger als fünf Minuten anhalten, ist die Wahl schlicht und einfach "112".

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