Ärzte Zeitung, 17.03.2006

Provokante Daten heizen Diskussion über neue Stents an

Schweizer Kardiologen beobachten erhöhte Rate später Stent-Thrombosen / Kritiker halten Daten für nicht beweiskräftig

ATLANTA (ob). Provokante neue Studiendaten haben die Diskussion über mögliche Spätkomplikationen beschichteter Koronarstents angeheizt. Basler Kardiologen berichteten jetzt über eine Zunahme von gefährlichen Stent-Thrombosen nach Absetzen des Antithrombotikums Clopidogrel. Doch nicht alle Experten halten diese Daten für beweiskräftig genug.

Medikamente freisetzende Koronarstents (drug-eluting Stents, DES) verringern im Vergleich zu reinen Metallstents die Rate der wegen Restenosen erneut erforderlichen Koronar-Interventionen.

Allerdings bestehen Bedenken, daß die Stents der neusten Generation aufgrund einer verzögerten Endothelisierung der Stent-Streben auch nach längerer Zeit noch zu Stent-Thrombosen führen könnten. Zum Schutz dagegen wird heute eine drei- bis sechsmonatige Plättchenhemmung mit ASS plus Clopidogrel empfohlen.

Was aber passiert, wenn nach dieser Zeit Clopidogrel abgesetzt wird? Dieser Frage ist jetzt ein Forscherteam um Dr. Matthias Pfisterer auf den Grund gegangen. Die Basler Kardiologen hatten vor einiger Zeit in der BASKET-Studie die Implantation von DES (Sirolimus- oder Paclitaxel-freisetzende Stents) oder von konventionellen Stents bei Patienten mit komplexen Koronarläsionen unter dem Aspekt der Kosteneffizienz verglichen. Am Ende der Studie nach sechs Monaten wurde bei allen Patienten die Behandlung mit Clopidogrel gestoppt.

In einer Folgestudie (BASKET-LATE) haben Pfisterer und seine Kollegen dann 746 Patienten weitere zwölf Monate lang beobachtet. Sie wollten wissen, ob und in welchem Maße sich in dieser Zeit klinische Ereignisse in Zusammenhang mit späten Stent-Thrombosen entwickeln.

Die von Pfisterer beim ACC-Kongreß vorgestellten Ergebnisse dieser Beobachtung sorgten für Aufregung unter den Kardiologen. Denn festgestellt wurde, daß die Rate beim kombinierten Endpunkt Herztodesfälle und nicht tödliche Myokardinfarkte in der DES-Gruppe signifikant höher war als in der Gruppe mit reinen Metallstents (4,9 versus 1,3 Prozent).

In den ersten acht Monaten der insgesamt 18monatigen Beobachtungsdauer waren die Raten in beiden Gruppen deckungsgleich, danach drifteten die Ereigniskurven auseinander. Pfisterers Bilanz: Die DES-Implantation bei 100 Patienten verhinderte im Vergleich zu konventionellen Metallstents in den ersten sechs Monaten fünf erneute Revaskularisationen am Zielgefäß; dem stehen aber drei Todesfälle oder Myokardinfarkte infolge später Thrombosen gegenüber.

Die Kritik an dieser provokanten Bilanz ließ nicht lange auf sich warten. Dr. Murat Tuzcu aus Cleveland etwa hält Pfisterers Schlußfolgerung angesichts Erfahrungen in anderen DES-Studien für voreilig und überzogen.

Tuzcu verwies darauf, daß die Basler Studie statistisch keine ausreichende Teststärke besitze, um Unterschiede zwischen beiden Stent-Typen aufzudecken. Dem konnte auch Pfisterer nicht widersprechen. Er beharrte aber darauf, daß die Daten, so wie sie eben seien, ein Risiko nahelegten. Das letzte Wort in dieser Sache ist sicher noch nicht gesprochen.

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