Ärzte Zeitung, 26.04.2006

Für Herzinfarkt-Patienten kann mehr getan werden

Bis zu 50 Prozent aller Patienten sterben im ersten Jahr / Medikamenten-Dosierungen sind offenbar oft zu niedrig

MANNHEIM (hbr). Die Versorgung von Patienten nach einem Herzinfarkt ist immer noch verbesserungsbedürftig. Darauf weist Professor Erland Erdmann von der Universitätsklinik Köln hin.

"Wir haben eine unglaublich hohe Letalität nach einem Herzinfarkt", so Erdmann beim Kardiologenkongreß in Mannheim. Im Berliner Herzinfarktregister zum Beispiel zeigt sich eine Sterblichkeit von etwa zehn Prozent in den ersten 30 Tagen nach dem Ereignis. Innerhalb von 180 Tagen steigt die Sterberate auf etwa 15 Prozent. Augsburger Daten weisen eine Rate von bis zu 50 Prozent im ersten Jahr aus.

Bei den überlebenden Patienten sind die Risikofaktoren auch eineinhalb Jahre nach der Klinikentlassung oft noch nicht gut vermindert. Das belegen europäische Daten. So haben trotz Therapie immer noch 80 Prozent der Patienten Übergewicht, zwei Drittel einen zu hohen Blutdruck und 60 Prozent zu hohe LDL-Werte. Offenbar seien die Medikamenten-Dosierungen oft zu niedrig, so Erdmann.

So ist selbst nach neuen Daten zum Beispiel nur ein kleiner Teil der Patienten mit zu hohem Blutdruck ausreichend behandelt - auch nach einem Herzinfarkt, betonte er bei einem Symposium des Unternehmens Pfizer. Und ihr LDL-Ziel erreichen einer neuen Studie zufolge vor allem 70 Prozent der Patienten mit sowieso eher niedrigem Risiko - von denen mit hohem Risiko waren es nur 18 Prozent.

Die Situation sei noch verbesserungsbedürftig. So waren die Augsburger Herzinfarkt-Patienten vor ihrem ersten Infarkt nur mäßig therapiert; nur jeder fünfte bekam einen Thrombozyten-Aggregationshemmer, Betablocker, ACE-Hemmer und Lipidsenker. "Dabei haben die Patienten alle Hochdruck, Diabetes, Übergewicht, eine koronare Herzerkrankung", erinnerte Erdmann.

Nach dem ersten Infarkt sieht die Therapiesituation zwar etwas besser aus. Aber auch jetzt erhält unter anderem nur jeder zweite einen Lipidsenker. Und bei Herzinsuffizienz wisse man aus dem Euro Heart Failure Survey - die meisten Teilnehmer hatten einen Herzinfarkt -, daß in einigen Krankenhäusern nur 20 Prozent der Patienten einen Betablocker bekamen, in anderen 80 Prozent. "Aber nirgends wurde nachgewiesen, daß die Patienten sich unterscheiden. Das hängt an uns Ärzten", so Erdmann.

Ein weiteres Problem, das sich aber langsam bessere, sei eine schlechtere Behandlung der alten Patienten. So erhalten über 75-jährige relativ selten einen ACE-Hemmer: "Dabei wissen wir, daß die alten Patienten davon profitieren."

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