Ärzte Zeitung, 08.05.2006

Häufigste Todesursache bei Frauen: Herzinfarkt!

Häufig fehlen die Lehrbuchsymptome eines Infarktes bei Frauen / Risikofaktoren haben größere Bedeutung

Die altbekannte Alltagserfahrung, daß Frauen und Männer mehr trennt als nur der "kleine Unterschied", haben Forscher zwischenzeitlich überzeugend bewiesen. Daß Frauen und Männer auch anders krank werden, zählt zu den neueren Erkenntnissen der Geschlechterforschung, die mittlerweile nahezu alle medizinischen Fachgebiete beeinflußt.

Von claudia Eberhard-Metzger

Frau mit Infarktzeichen - nicht immer zeigt sich stechender Brustschmerz als Symptom. Foto: DAK/Wigger

Kardiovaskuläre Erkrankungen sind auf geschlechtsspezifische Unterschiede hin gut untersucht. Die Erkenntnis lautet: Frauen haben andere Symptome als Männer, Risikofaktoren wirken sich bei Frauen stärker aus - und Frauen sind medizinisch schlechter versorgt.

Mehr Sensibilität bei den Kollegen für die Besonderheiten der Geschlechter - vor allem aber eine bessere Aufklärung der Bevölkerung - forderten die Teilnehmer des Expertengespräches "Schlagen Frauenherzen anders?" beim Kardiologen-Kongreß in Mannheim.

Frauen haben häufig eher unspezifische Infarktsymptome

"Der Herzinfarkt gilt landläufig noch immer als reine Männersache", sagte Professor Verena Stangl vom Universitätsklinikum Charité in Berlin. Tatsächlich haben in Europa mehr Frauen als Männer (55 versus 45 Prozent) mit den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu tun, und zwar zunehmend auch jüngere Frauen. Nicht Brustkrebs, wie fälschlicherweise allgemein angenommen, sondern der Herzinfarkt ist bei Frauen die häufigste Todesursache.

Anders als bei Männern äußert sich der Herzinfarkt bei Frauen häufig nicht mit einem alarmierenden Schmerz in der linken Brust, der in Oberarme, Schultern und Hals ausstrahlt, sondern mit Rücken-, Nacken- und Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Schweißausbrüchen und Müdigkeit.

Diese weniger eindeutigen Symptome werden häufig falsch gedeutet und zunächst nicht mit einem Infarkt in Verbindung gebracht. So geschehe es, daß Frauen im Mittel eine Stunde später als Männer in die Klinik kämen und wertvolle Behandlungszeit verloren gehe.

Geschlechtsspezifische Unterschiede erschweren auch die Diagnose. Wie Privatdozentin Christine Espinola-Klein von der Universitätsklinik Mainz berichtete, ist ein Belastungs-EKG bei Frauen oft weniger aussagekräftig als bei Männern. Bei unklarem Befund sollte deshalb bei Frauen ein Streßechokardiogramm oder eine Myokardszintigraphie bevorzugt werden, die verläßlichere Ergebnisse liefern.

Arzneimittel werden bei Frauen anders metabolisiert

Auf geschlechtsabhängige pharmakokinetische Besonderheiten machte Professor Thomas Unger vom Universitätsklinikum Charité in Berlin aufmerksam. Unterschiedlich sind vor allem die Metabolisierungsgeschwindigkeit und die Verteilung von Arzneistoffen. Außerdem kann die Empfindlichkeit für Medikamente bei Frauen und Männern verschieden sein, wobei Frauen das größere Risiko haben, unerwünschte Arzneimittelwirkungen zu erleiden.

Als Beispiel nannte Unger Digitalis-Wirkstoffe, die bei Frauen häufig überdosiert werden. Die nachträgliche Auswertung einer Studie zur Therapie mit Digitalis bei Frauen mit Herzschwäche habe ergeben, daß sich die Sterberate bei ihnen eher erhöht als sinkt. Auf ACE-Hemmer, scheinen Frauen schlechter anzusprechen als Männer, so Unger.

Und nach der Einnahme von ACE-Hemmern und Beta-Blockern, ergänzte Stangl, haben Frauen oft höhere Plasmakonzentrationen, weshalb sie häufiger unerwünschte Wirkungen der Medikamente haben, etwa den für ACE-Hemmer charakteristischen trockenen Reizhusten.

Aus solchen Beobachtungen eine strikte therapeutische Regel abzuleiten, nach der Frauen und Männer unterschiedlich behandelt werden müßten, sei jedoch verfrüht, weil die Datenlage noch nicht ausreichend sei.

Die Risikofaktoren für einen Herzinfarkt - falsche Ernährung, Rauchen, Übergewicht, Zuckerkrankheit, Bewegungsmangel und Bluthochdruck - sind grundsätzlich für beide Geschlechter gleich, betonten die Experten. Allerdings ist die Gewichtung verschieden: So erhöht ein Diabetes mellitus bei Frauen das Risiko für koronare Herzerkrankungen um das vier- bis sechsfache, bei Männern verdoppelt es sich.

Auch Rauchen wirkt sich bei Frauen wesentlich schädlicher aus als bei Männern. Ein besonders unschönes Risikopaar formiert sich, wenn Frauen rauchen und die Antibabypille einnehmen. Darauf und auf eine streßreiche Doppelbelastung in Beruf und Familie führen die Experten zurück, daß immer mehr Frauen schon in jungen Jahren einen Herzinfarkt erleiden.

Frauen bagatellisieren ihre Beschwerden eher

Die Zahl der Herzinfarkte bei Männern und Frauen ist gleich - es sterben jedoch mehr Frauen an einem Herzinfarkt als Männer. Ein Grund dafür ist, daß Frauen im Schnitt sechs bis zehn Jahre älter sind, wenn sich der Infarkt ereignet. Sie sind dann zumeist noch durch weitere Krankheiten belastet.

Hinzu kommt, daß Frauen Beschwerden eher bagatellisieren oder im Ernstfall nicht richtig einordnen: Ein Arzt wird nicht rasch genug gerufen, die nötige Intensivbehandlung erfolgt verspätet, Infarkte verlaufen komplikationsreicher, die Sterberate ist höher. Stangl betonte, als Grundregel könne gelten: "Bei Frauen lieber einmal zu viel als einmal zu wenig nachzuschauen."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Herzinfarkt ist auch Frauensache

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