Ärzte Zeitung, 27.11.2008

Wird der Test auf Fetuin-A zu einem Standard-Labortest?

Hohe Fetuin-A-Serumwerte erhöhen Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall

POTSDAM (hub). Fetuin-A ist ein starker unabhängiger Risikomarker für kardiovaskuläre Erkrankungen, hat eine aktuelle Studie ergeben. In fünf Jahren könnte ein Test auf Fetuin-A als Laborstandard für das Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall etabliert sein.

Wird der Test auf Fetuin-A zu einem Standard-Labortest?

Herz schädigend - bis hin zum Infarkt - wirken auch Botenstoffe, die bei Patienten mit Fettleber gebildet werden.

Foto: s. kaulitzki©www.fotolia.de

Darauf hofft Professor Andreas Fritsche vom Uniklinikum Tübingen, einer der Studienautoren. Fritsche und Kollegen hatten Daten von 27 500 Teilnehmern mittleren Alters der EPIC-Studie* ausgewertet (wie berichtet). Innerhalb des achtjährigen Beobachtungszeitraums erlitten 227 Teilnehmer einen Herzinfarkt, 168 einen Schlaganfall. Bei ihnen und knapp 2200 Kontrollpersonen wurden die Fetuin-A-Serumspiegel bestimmt.

"Herausgekommen ist, dass Fetuin-A ein kardiovaskulärer Risikomarker ist, unabhängig von den etablierten wie Blutfette, Diabetes, Übergewicht oder Rauchen", sagte Fritsche zur "Ärzte Zeitung". In der Studie hatten Personen mit hohen Fetuin-A-Werten ein 3,25-fach erhöhtes Herzinfarkt- und ein 3,8-fach erhöhtes Schlaganfallrisiko - verglichen mit Teilnehmern mit niedrigen Werten des Proteins (Circulation online).

"Fetuin-A ist ein Hepatokin, das verstärkt von einer verfetteten Leber gebildet wird", so Fritsche. Fetuin-A erhöht die Spiegel von TNFα, das einen inflammatorischen Effekt auch auf Gefäße hat. Und es hemmt Adiponektin, das schützend wirkt. "Beides führt zu einer Insulinresistenz." Dass Fetuin-A die Insulinwirkung verschlechtere, sei bereits bekannt gewesen, nicht aber seine Wirkung auf Herz und Hirn. "Die Fettleber ist als Faktor in den gängigen Risiko-Scores bisher nicht berücksichtigt. Das sollte sich ändern", wünscht Fritsche. "Vor allem weil Fetuin-A unabhängig von den bisherigen Risikofaktoren ist." Er gehe davon aus, dass es fünf Jahre dauern werde, bis der Test etabliert ist. Der Labortest auf Fetuin-A werde nicht teurer sein als die üblichen Tests.

EPIC = European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition, Studie läuft am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam Abstract der Studie Plasma Fetuin-A Levels and the Risk of Myocardial Infarction and Ischemic Stroke

Fetuin-A - ein Botenstoff aus der Leber

Das Protein: Fetuin-A ist ein Protein, das zur Gruppe der Hepatokine gehört. Es wird in der Leber gebildet und ins Blut abgegeben. Bei Patienten mit einer verfettenden Leber wird Fetuin-A verstärkt gebildet.

Seine Wirkung: Erhöhte Fetuin-A-Spiegel im Serum führen zu einer verstärkten Synthese des inflammatorischen Proteins TNFα. Adiponektin wird gehemmt.

Die Folge: Bei erhöhten Fetuin-A-Werten verschlechtert sich die Wirkung des Insulins, die Folge ist letztlich eine Insulinresistenz.

Der Test: Ein Labortest auf Fetuin-A ist ein unabhängiger Risikomarker für Herzinfarkt und Schlaganfall.

Die Prophylaxe: Lebensstil-Änderungen senken Fetuin-A-Werte und das Risiko.

[05.10.2009, 19:18:16]
Gabriele Wagner 
Fetuin-A nicht als kardiovaskuläres Risiko etabliert
Uns erreichte ein Leserbrief von Professor Wilhelm Jahnen-Dechent, einem langjährigem Fetuin-A-Forscher:

Die Ergebnisse lassen sich alternativ so erklären, dass die Synthese von Fetuin-A wie die Synthese von Albumin bei kalorischem Überfluss hochreguliert wird. Ähnliche Studien, die auch Albumin erfassten, zeigten das regelmäßig. In der genannten Studie wurde leider kein Albumin und auch kein Gesamt-Protein gemessen.
Fetuin-A wird konstitutiv von der Leber sezerniert und ist vielen unabhängigen Studien zu Folge eines der wenigen Negativ-Akutphase
Proteine, wird also bei Entzündung und Trauma herabreguliert. Fetuin-A ist ein Trägerprotein wie Albumin. Fetuin-A vermittelt den Abtransport von mineralischem Debris, der sonst zu Verkalkungen führen kann. Diese Funktion ist in vielen unabhängigen zellbasierten Experimenten, in tierexperimentellen Studien und in klinischen Querschnittsuntersuchungen mehrerer unabhängiger Labors bestätigt worden. Eine Funktion von Fetuin-A als Botenstoff oder
"Hepatokin" ist dagegen weitgehend spekulativ und angesichts der hohen Konzentration und der langsamen Regulierbarkeit unwahrscheinlich. Die Funktion von Fetuin-A als Antagonist von Insulin ist weder im Zellexperiment noch in den von unserem Labor produzierten Fetuin-A-Knockout-Mäusen nachvollziehbar. Diese Mäuse
zeigen den oben genannten Kalzifizierungsphänotyp.
Bei den genannten Studien wurde Fetuin-A ein Mal im Serum gemessen.
Derzeit gibt es keine validierten Tests, und die für die Tests angegebenen inter- und intraindividuellen Schwankungen liegen im
Bereich der angegebenen "diagnostischen" Unterschiede. Solange kein validierter Test, longitudinale Studien, eine belastbare Hypothese zum Mechanismus von Fetuin-A als Risikofaktor für Herzinfarkt und Effekte, die deutlich über der Schwankung von Replikaten der Proben liegen, zur Verfügung stehen, sollte man mit Empfehlungen über Höchstwerte von Fetuin-A im Blut zurückhaltend sein, zumal bei
Kalzifizierungskrankheiten die niedrigsten Fetuin-A-Serumspiegel die höchste Morbidität und Mortalität nach sich zogen.

Professor Wilhelm Jahnen-Dechent, RWTH Aachen, Universitätsklinik
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