Ärzte Zeitung online, 09.02.2009

Herzinfarkt: Viele neue Risikogene entdeckt

LÜBECK (eb). Wissenschaftler der Universität Lübeck haben zahlreiche neue Gene entdeckt, die an der Entstehung von Herzinfarkten beteiligt sind. Die drei Arbeiten fügen den Wissenschaftlern zufolge bedeutsame Puzzlesteine in das Bild der Vererbung des Herzinfarktes ein.

In der ersten der drei Studien verglichen Professor Jeanette Erdmann und Professor Heribert Schunkert eine Million genetische Marker von Herzinfarktpatienten mit gesunden Probanden. Dabei fanden sie auf den Chromosomen 3 und 12 Gene, deren Varianten Herzinfarkte verursachen können. Von dem identifzierten MRAS-Gen wird vermutet, dass es eine wichtige Rolle in der Gefäßbiologie einnimmt. Bei dem HNF1A-Gen besteht eine enge Beziehung zum Cholesterinstoffwechsel.

In der zweiten Arbeit untersuchte Dr. David Trégouët aus Paris nicht nur einzelne genetische Marker, sondern Kombinationen aus bis zu zehn benachbarten Markern, Haplotypen genannt. Trégouët wollte dadurch eine noch höhere Informationsdichte ableiten, als dies für einzelne Marker möglich wäre. Die benötigte Rechnerkapazität für seine Auswertungen erhielt er durch die Europäische EGEE-Grid-Struktur. Dieses Rechnernetzwerk besteht aus 41 000 Prozessoren und bietet einen Speicherplatz von rund fünf Millionen Gigabyte. Gleichzeitig können so rund 100 000 Rechenaufgaben ausgeführt werden. Nach zahlreichen Berechnungen konnte der Pariser Forscher schließlich eine Region auf Chromosom 6 identifizieren, "welche mit dem Herzinfarktrisiko vergesellschaftet ist", wie er sagt. Das LPA-Gen reguliert die Konzentration eines bestimmten Lipoproteins - ein Partikel, das im Blut Fette wie beispielsweise das Lipoprotein (a) transportiert.

In der dritten Arbeit konnten die Forscher drei weitere Gene identifizieren - auf den Chromosomen 2, 6 und 21. Statistisch untermauerten sie ihre Entdeckung um die Vergleichsdaten von 12 000 Herzinfarktpatienten mit ebenso vielen Gesunden. Wie die Wissenschaftler zeigen konnten, ist bei Menschen das Risiko dann erhöht, wenn sie nicht nur einen, sondern mehrere der genetischen Marker in sich tragen. Je höher die Anzahl der jetzt identifizierten Krankheitsgene ist, umso höher war das Krankheitsrisiko, so die Lübecker. Mit diesem Wissen soll zukünftig das Herzinfarktrisiko bestimmen werden können, um frühzeitig präventiv tätig zu werden, hoffen sie.

Die neuen Befunde lassen eine Vielzahl von wissenschaftlichen, aber auch medizinisch-klinischen Schlussfolgerungen zu, so die Wissenschaftler. So hofft Professor Jeanette Erdmann, mit diesem Wissen risikobehaftete Personen besser identifizieren zu können. Das Ziel, so Erdmann, ist die Konzentration der präventiven Behandlung auf solche Menschen, die das höchste Risiko für einen Herzinfarkt in sich tragen. Privatdozent Inke König betont, dass diese Erfolge nicht erreicht werden konnten ohne die Entwicklung neuer statistischer und informatischer Methoden. Erst mit solchen Verfahren konnten Zusammenhänge in diesen enormen Datenmengen gefunden werden. Zudem sehe man mit diesen Ergebnissen immer klarer, wie wenig die Wissenschaft die Entstehungsmechanismen des Herzinfarktes verstehe. Traditionelle Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus und erhöhtes Cholesterin seien zwar für die Ausbildung der Atherosklerose wichtig, aber es müsse noch viele unentdeckte Mechanismen geben. Kaum eines der neu identifizierten Herzinfarktgene passt in die etablierten Klischees zur Entstehung des Herzinfarktes. Die Frage, warum so viele Menschen in unserer Bevölkerung vom Herzinfarkt getroffen werden, muss also neu gestellt werden. "Es ist wahrscheinlich", so Schunkert, "dass sich dabei völlig neue Wege auftun, an deren Anfang die neu entdeckten Herzinfarktgene stehen." Neue Mechanismen bedeuten aber auch neue Ansätze für die Prophylaxe und Behandlung des Herzinfarktes.

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