Ärzte Zeitung online, 28.03.2011

Koronarkalk-Messung: Nützliches Screening oder sinnlose Bildgebung?

Über den Nutzen der Koronarkalk-Messung per Computertomografie ist die Meinung geteilt. Zwei nahezu zeitgleich publizierte Studien liefern sowohl Befürwortern als auch Kritikern dieser Screening-Methode jetzt neue argumentative Munition für die Debatte.

Koronarkalk-Messung: Nützliches Screening oder sinnlose Bildgebung?

CT zur Kalkscore-Messung: Zwei Studien liefern unterschiedliche Ergebnisse zum Nutzen der Methode.

© Diagnoseklinik München

LOS ANGELES (ob). Nicht alle kardiovaskulären Ereignisse lassen sich auf Basis klassischer Risikofaktoren wie Hyperlipidämie, Bluthochdruck, Rauchen oder Diabetes vorhersagen.

Das hat die Suche nach neuen Methoden stimuliert, mit denen sich Personen mit erhöhtem Herz- und Gefäßrisiko noch besser und zuverlässiger als mit den traditionellen Beurteilungskriterien identifizieren lassen.

Zu diesen Methoden zählt auch der Nachweis von koronaren Verkalkungen mit Hilfe von Elektronenstrahl-CT oder Mehrzeilen-Spiral-CT (MSCT). Über eine Quantifizierung des Koronarkalks (Agatston-Score) lässt sich damit das Ausmaß der Plaque-Belastung in Koronararterien grob abschätzen.

Kalk-Screening verbesserte das koronare Risikoprofil

Unbestritten ist, dass der koronare Kalkscore prognostische Aussagekraft besitzt. Die Frage ist aber, ob damit eine prognostische Zusatzinformation verbunden ist, die über die prädiktive Aussagekraft der klassischen Risikofaktoren hinausgeht.

Am ehesten scheint der Kalkscore noch die Risikostratifizierung bei Personen verbessern zu können, die nach konventioneller Risikobeurteilung ein "intermediäres" Risiko aufweisen (10-Jahres-Risiko für Ereignisse zwischen 10 und 20 Prozent).

Unklar ist bislang auch, welcher praktische Nutzen aus der Erfassung der subklinischen Atherosklerose resultiert. Führt der Koronarkalk-Nachweis tatsächlich zu Verhaltens- und Therapiemodifikationen, die am Ende in eine Reduktion von Morbidität und Mortalität münden?

Dass Kalk-Screening tatsächlich etwas bewegen kann, glaubt eine Gruppe von US-Forschern um Dr. Daniel Berman aus New York nun mit neuen Studiendaten belegen zu können (J Am Coll Cardiol 2011; online). Das Team hat für diese Studie 2137 Probanden mit kardiovaskulären Risikofaktoren rekrutiert, von denen zwei Drittel einer Koronarkalk-Messung unterzogen wurden, ein Drittel dagegen nicht.

In einem Beratungsgespräch über Gesundheitsfragen wurden die Teilnehmer mit Kalkmessung dann mit dem CT-Befund konfrontiert. Primärer Endpunkt war die Veränderung von koronaren Risikofaktoren im Zeitraum der folgenden vier Jahre.

Unter den Strich war am Ende in der Gruppe mit Koronarkalk-Messung eine Verbesserung des koronaren Risikoprofils im Vergleich zur Kontrollgruppe zu verzeichnen.

Signifikant verbessert zeigten sich sowohl die Blutdruck- als auch Lipidwerte. Auch der Bauchumfang war bei übergewichtigen Personen in der Gruppe mit Kalkmessung signifikant geringer.

Innerhalb dieser Gruppe war eine Dosis-Wirkungsbeziehung zu erkennen: Mit zunehmendem Kalkscore nahmen die Blutdruck- und Lipidwerte sowie das Körpergewicht stärker ab. Keine Unterschiede gab es bei Parametern wie HDL-Cholesterin, Blutzucker, Nikotinverzicht oder Verstärkung der körperlichen Aktivität.

Gemessen am Framingham-Risikoscore blieb das KHK-Risiko weitgehend konstant, während in der Kontrollgruppe eine Risikoerhöhung zu festgestellt wurde.

Insgesamt hatte die Koronarkalk-Bestimmung keine Zunahme von medizinischen Tests und Kosten zur Folge. Für den Nachweis günstiger Auswirkungen dieser Veränderungen auf die Häufigkeit klinische Ereignisse war die Studie nicht ausgelegt.

Metaanalyse kommt zu konträren Ergebnissen

Eher ernüchternd sind im Vergleich dazu die Ergebnisse einer neuen Studienübersicht, die eine Arbeitsgruppe um Dr. Daniel Hackam jetzt veröffentlicht hat (Arch Intern Med 2011; online).

Ihr ging es um die Klärung der Frage, ob eine Screening-Strategie, die sich auf nicht-invasive bildgebende Verfahren stützt, in der kardiovaskulären Primärprävention von Nutzen ist.

Das erste, was die Autoren überrascht zur Kenntnis nehmen mussten, war die Tatsache, dass es dazu kaum randomisierte kontrollierte Studien gibt. Nur sieben Untersuchungen, an den im Schnitt 153 Personen beteiligt waren, erfüllten die Anforderungen der Forscher, darunter auch drei Studien zur Koronarkalk-Messung.

Anhaltspunkte dafür, dass Screening-Methoden wie Carotis-Ultraschall oder eben Koronarkalk-Bestimmung Einfluss etwa auf das Therapiemanagement hatten, boten diese Studien nicht.

Weder bei der medikamentösen Behandlung noch bei andern Ansatzpunkten für eine Prävention wie körperliche Bewegung, Nikotinkonsum oder Essverhalten gab es signifikante Veränderungen den jeweiligen Messungen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Gefahr im Vekehr oder alles im grünen Bereich?

Patienten, die Cannabispräparate in Dauermedikation haben, dürfen am Straßenverkehr teilnehmen. Eine wissenschaftliche Debatte über ein erhöhtes Verkehrssicherheitsrisiko wurde noch nicht geführt. mehr »

Frau hat keinen Anspruch auf Schmerzensgeld

Hat eine Frau Anspruch auf Schmerzensgeld, wenn ein Arztfehler zu Impotenz des Mannes führt? Das OLG Hamm verneint – und gibt eine Begründung. mehr »

Tausende Pfleger ergreifen die Flucht

Großbritannien gehen die Pflegekräfte aus: Zu groß ist die Unzufriedenheit mit dem System. Sie zeigt sich zunehmend auch bei Patienten. mehr »