Ärzte Zeitung, 06.10.2011

Bei viel Testosteron sind Männerherzen geschützt

Schützt Testosteron alte Männer vor kardiovaskulären Ereignissen? Bei erhöhten Spiegeln des Hormons ist zumindest die Infarktrate vermindert.

Alte Männer mit viel Testosteron haben deutlich weniger Herzinfarkte

Ältere Männer mit einem hohen Testosteronspiegel sind offenbar vor kardiovaskuläre Komplikationen besser geschützt.

© Getty Images/Polka Dot RF

GÖTEBORG (MUC/bs). Schon länger bekannt ist der Zusammenhang von niedrigen Testosteron-Serumspiegeln mit Adipositas, einem ungünstigen metabolischen Risikoprofil und Atherosklerose.

Dass umgekehrt hohe endogene Testosteronkonzentrationen mit einem Schutz vor kardiovaskulären Komplikationen verbunden sind, wird jetzt durch eine prospektive Studie aus Schweden bestätigt (J Am Coll Cardiol 2011; 58: 1674).

An der Studie hatten 2416 Männer aus der Bevölkerung im Alter von 69 bis 81 Jahren teilgenommen.

485 kardiovaskuläre Ereignisse eingetreten

Die Serumspiegel von Testosteron und Sexulahormon-bindendem Globulin (SHBG) waren bei Studieneinschluss bestimmt worden. Nach Ablauf von fünf Jahren waren 485 tödliche und nicht tödliche kardiovaskuläre Ereignisse eingetreten.

Sowohl Testosteron- als auch SHBG-Spiegel waren invers mit der Ereignisrate korreliert. Das Viertel der Männer mit den höchsten Testosteronwerten (550 ng/dl und darüber) hatten ein um 30 Prozent niedrigeres 5-Jahres-Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse als die drei Viertel der Männer mit Werten darunter.

Studie soll nicht als Argument für Supplementierung von Testosteron gedeutet werden

Diese Assoziation blieb erhalten, wenn die ersten 2,6 Jahre der Nachbeobachtungszeit nicht berücksichtigt wurden, um vorbestehende (subakute) Herz-Kreislauf-Erkrankungen auszuschließen.

Auch nach dem Abgleich von anderen Störfaktoren war der Zusammenhang nur leicht abgeschwächt.

Die Studienautorin Asa Tivesten von der Universität Göteborg warnt jedoch davor, die Studie als Argument für die Supplementierung von Testosteron zu deuten.

Hier seien erst weitere Untersuchungen nötig. In einer früheren Studie war die Zufuhr von hoch dosiertem Testosteron sogar mit einem Anstieg kardiovaskulärer Ereignisse einhergegangen.

[06.10.2011, 09:38:30]
Dr. Johannes Scholl 
Warum "Männerherzen" durch Testosteron nicht geschützt, sondern eher gefährdet werden - Verwechslung von Assoziation und Kausailität
Es war einmal vor langer Zeit, da beobachtete man, dass nach der Menopause die Östrogenspiegel der Frau deutlich sinken und die Herz-Kreislauf-Ereignisse zunehmen. Schön, dachte man sich, und begann munter, die postmenopausale Hormonersatztherapie mit dem Argument zu empfehlen, bei "viel Östrogen seien die Frauenherzen besser geschützt". Sicher fällt Ihnen da gerade etwas auf...
Erst als man in randomisierten, placebokontrollierten Studien die Frage überprüft hatte, wurde klar, dass man das Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse durch Östrogene (allein oder in Kombination) nicht senkte und wohl zahlreiche Frauen unnötigerweise durch eine nicht evidenzbasierte Therapie vorzeitig verstorben waren.
Der Artikel "Bei viel Testosteron sind Männerherzen geschützt"
verwechselt - wieder einmal - Assoziation und Kausalität:
1) Zunächst ist ein niedriger Testosteronspiegel häufiger zu finden im höheren Alter und in vielen Fällen als Folge von Adipositas und Metabolischem Syndrom (MetS): Alter, Adipositas, MetS - das reicht aus, um auch eine Assoziation zwischen Testosteron und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu finden. Belege für einen tatsächlichen Herzschutz durch Testosterongabe fehlen dagegen!
2) Im Gegenteil: Es liegen gut gemachte, randomisierte, placebokontrollierte Studien (1,2) zum Thema Testosteronsubsitution vor: Sie zeigen bedenkliche Effekte auf Herz-Kreislauf-Risikofaktoren: u.a. einen deutlichen Blutdruckanstieg (+13/8 mmHg in Ref. 2), einen deutlichen Abfall des HDL-Cholesterins und eine signifikante Zunahme der Insulinresistenz (HMA-INdex + 0,6) mit einem möglicherweise gesteigerten Diabetesrisiko. Kann dies einen "Herzschutz" bewirken?
Aus meiner Sicht ist eine Testosteronsupplementation nur zu recchtfertigen bei eindeutigem Hypogonadismus (=nachgewiesener Testosteronmangel+Symptome) bzw. einem partiellen Androgendefizit (spezifische Ausfallsymptome).
Es stecken sicherlich ein großer Markt und starke Herstellerinteressen hinter der Kampagne, möglichst vielen älteren Männern Testosteron zu verordnen.
Als Vorsitzender der Deutschen Akademie für Präventivmedizin e.V. möchte ich alle Kollegen, die sich fragen, ob sie ihren älteren männlichen Patienten mit ein bisschen Testosteron vielleicht etwas Gutes tun, aber eindringlich warnen, der Hormonlobby noch einmal auf den Leim zu gehen. Die klare Forderung lautet: Wer für Testosteron zum "Herzschutz" bei älteren Männern plädiert, muss dies nach EBM-Kriterien mit randomiserten, placebokontrollierten Studien begründen.

Dr. med. Johannes Scholl
1. Vorsitzender der Deutschen Akademie für Präventivmedizin e.V.
www.akaprev.de


1) Emmelot-Vonk MH et al., JAMA 2008; 299: 39-52
2) Sattler FR et al., J Clin Endocrinol Metab 2009, 94:1991-2001
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hohes Sterberisiko bei Ausbruch in der Adoleszenz

Wenn sich Typ-1-Diabetes in einem besonders vulnerablen Alter manifestiert, brauchen Betroffene viel Aufmerksamkeit. Sie haben ein hohes Risiko, an Komplikationen zu sterben. mehr »

100 Prozent Zustimmung

Die KBV-Vertreterversammlung präsentiert sich in neuer Einigkeit und richtet die Speere – wieder – nach außen. Klare Kante gegenüber dem Gesetzgeber und den Krankenhäusern. "Wir sind auf Kurs", meldete KBV-Chef Gassen. mehr »

Herz-Kreislauf-Risiko von Anfang an im Blick behalten!

Bei RA-Patienten sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die wichtigste Todesursache. Die aktuellen Therapiealgorithmen zielen nicht zuletzt darauf ab, die Steroidexposition zu begrenzen. mehr »