Ärzte Zeitung online, 27.04.2015

Neue Daten zeigen

Wiederbelebung ist ein Knochenbrecher

Brüche von Rippen und Brustbein sind bei einer Herzmassage viel häufiger als angenommen, zeigt jetzt eine Studie. Das ist aber nicht unbedingt eine schlechte Nachricht.

Von Robert Bublak

Herzdruckmassage ist ein Knochenbrecher

Bei der Herzdruckmassage kann schon mal eine Rippe brechen - aber wenn damit ein Leben gerettet werden kann, ist das ein recht geringer Preis.

© Gina Sanders / fotolia.com

LJUBLJANA. Verletzungen des knöchernen Thorax sind bekannt, seit Kompressionen des Brustkorbs für Wiederbelebungsversuche nach Herzstillstand eingesetzt werden.

Bisherige Schätzungen zu Frakturen während der kardiopulmonalen Reanimation gingen davon aus, dass mindestens jeder dritte Patient einen oder mehrere Rippenbrüche und etwa jeder fünfte eine Sternumfraktur erleidet.

Die Vorgaben wurden verschärft

Allerdings stammen die meisten der Zahlen, deren sich diese Taxierungen bedienten, aus der Zeit vor der Jahrtausendwende. Damals waren Kompressionsraten von 60-80 / min und eine Kompressionstiefe von 4-5 cm üblich.

Inzwischen sind aber die Leitlinien des European Resuscitation Council (ERC) mehrfach geändert worden, als Kompressionsrate werden inzwischen 100-120 / min und als Kompressionstiefe 5-6 cm empfohlen. Es liegt daher nahe, anzunehmen, dass diese Verschärfung auch die Frakturrate beeinflusst hat.

Studie mit 2148 Patienten

Slowenische Wissenschaftler um den Forensiker Eduard Kralj haben diese Vermutung im Zuge einer Studie bestätigt (Resuscitation 2015, online 11. März).

Sie analysierten die Autopsiedaten von 2148 erwachsenen Patienten, bei denen nach nicht traumatisch bedingtem Herzstillstand eine externe Wiederbelebung mit Herzdruckmassage versucht worden war.

Knöcherne Verletzungen des Thorax wiesen 86 Prozent der Männer und 91 Prozent der Frauen auf. Ein gebrochenes Brustbein hatten 59 Prozent der Männer und 79 Prozent der Frauen, Rippenfrakturen waren bei 77 Prozent der Männer und 85 Prozent der Frauen nachweisbar.

Eine sternokostale Trennung ergab die Obduktion bei 33 Prozent der Männer und 12 Prozent der Frauen.

Sternokostale Läsionen

Im Durchschnitt erlitten Männer wie Frauen knapp elf Verletzungen des Thoraxskeletts. Die Zahl nahm mit dem Alter zu, von rund fünf bei den 18- bis 29-Jährigen bis circa zwölf bei den über 90-Jährigen. Einen Einfluss zeigten auch die Änderungen in den ERC-Leitlinien.

 Die Erhöhung des Verhältnisses Kompression / Beatmung von 15 : 2 auf 30 : 2 im Jahr 2005 steigerte die Zahl der Verletzungen um durchschnittlich 2,1. Und mit im Schnitt 0,86 zusätzlichen sternokostalen Läsionen schlug die veränderte Kompressionstiefe (5-6 cm) und -frequenz (100-120 / min) ab dem Jahr 2010 zu Buche.

Kompression nicht mehr als 6 cm

Allerdings waren auch nach 2010 nur relativ wenige signifikante iatrogene Schädigungen wie etwa Leber- oder Milzrupturen festzustellen, die Quote lag unter 2 Prozent und wich damit nicht in statistisch relevanter Weise von den Werten vor 2010 ab.

"Das Bemühen, die Effektivität von Reanimationsmaßnahmen zu verbessern, haben deren Sicherheit bis dato offenbar nicht eingeschränkt", schreiben Kralj und Kollegen.

Allerdings sei darauf zu achten, den Brustkorb bei der Kompression nicht mehr als 6 cm tief einzudrücken.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Knochenjob Reanimation

[27.04.2015, 14:38:18]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Man könnte den Beitrag wirklich missverstehen als Aufmunterung zum Rippenbruch, was FALSCH ist.
Der hier verwendetet Maßstab einer Autopsie spricht ja nicht gerade für den Erfolg einer solchen Fraktur.
Reanimation ist ein HANDWERK, das ebenso wie das Operieren gekonnt sein will.
Ich habe es miterlebt, dass eine Patientin auf einer Intensivstation wegen einer einzigen eher harmlosen Arrhythmie zu Tode reanimiert wurde, mit instabilem Thorax (paradoxe Atmung), das hat sie nicht überlebt,
was dann noch mit solchen "heroischen Betrachtungen" gerechtfertigt wird.
Der Beitrag gibt daher ein falsches Signal.
Der harmlose Begriff "Eine sternokostale Trennung" ist nichts anderes als so ein instabiler Thorax, der nur mit langfristiger maschineller Überdruck-Beatmung überhaupt überleben kann, das weis jeder Trauma-Chirurg.
Hierfür gibt es bis heute keine Patentlösung.
Mir kann wirklich kein Mensch erzählen, dass so etwas zu rechtfertigen wäre. zum Beitrag »
[27.04.2015, 07:50:11]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Lass knacken, Kumpel"?
Dr. med. P. Brinskelle schreibt als Dissertation 2011 in Graz/A: "Vergleich der manuellen Herzdruckmassage mit der Herzdruckmassage durch LUCAS, einem mechanischen Kompressionsgerät–eine Beobachtungs- und Literaturstudie" von "Häufigkeiten von Rippenfrakturen nach manuellen Thoraxkompressionen 12,9 % bis 96,6 %, von Sternumfrakturen 1,3 % bis 43 %. Die in dieser Studie beobachteten Ergebnisse von 47 % bei Rippenfrakturen und 29 % bei Sternumfrakturen..." Lit.: Smekal D et al Resuscitation 2009; 80(10):1104-7 und Perkins GD et al Scand J Trauma Resusc Emerg Med 2010; 18(1):58.

Mein Beitrag zu diesem Thema ist "Lass knacken, Kumpel" - Klassische Reanimation: Was würde "Alberich" tun (müssen)? Fußschemel - solches "Beiwerk" wird wohl nie eine Aufnahme in die Reanimationsleitlinien finden; einer koreanischen Studie zum Trotz. "Wer in der kardiopulmonalen Reanimation (CPR) kein Brett vor dem Kopf hat, weiß, dass eine Herzdruckmassage im einem nachgiebig gepolsterten u n d gefederten Krankenbett aussichtslos ist. Nur: Wussten das auch die koreanischen Studienautoren? ... In der Publikation von Hong CK et al. (Hong CK et al. The Most Effective Rescuer's Position for Cardiopulmonary Resuscitation Provided to Patients on Beds: A Randomized, Controlled, Crossover Mannequin Study. J Emerg Med 2013, online 21. November) ist übrigens ausdrücklich von "standing, on a footstool, or kneeling on the bed" die Rede..." Quelle:
http://www.springermedizin.de/klassische-reanimation-was-wuerde-alberich-tun-muessen/4887508.html

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Mehr Metastasen

Immer mehr Männer mit Prostatakrebs in den USA haben schon bei der Diagnose Metastasen. Ihr Anteil hat sich fast verdoppelt. Auch die Inzidenz solcher Tumoren nimmt zu. mehr »

Deutsches Defizit

Diabetes-Prävention, Strategien gegen Polypharmazie, digitale Versorgungsangebote: Neue Initiativen gibt es zuhauf. Doch Patienten müssen davon wissen. Genauo daran hapert es aber. mehr »

"Einfache Ersttherapie ist für fast alle Patienten möglich"

Die antiretrovirale Therapie ist bei neu diagnostizierter HIV-Infektion stets angezeigt, und zwar unabhängig vom Stadium der Infektion oder der Helferzellzahl. mehr »