Ärzte Zeitung, 02.01.2016

Herzinfarkt

Mit Opioiden keine schlechtere Prognose

Herzinfarkt-Patienten mit Schmerzen und Ängsten kann einer Studie zufolge ohne große Bedenken eine Opiodspritze gegeben werden. Die Befürchtung, dass dadurch Komplikationen auftreten könnten, ist offenbar unbegründet.

Von Robert Bublak

Mit Opioiden keine schlechtere Prognose

Rasches Reagieren ist bei Infarktzeichen das A und O. Bei starken Schmerzen kann Morphin indiziert sein.

© ArTo / fotolia.com

PARIS. Geht es darum, bei Patienten mit akutem Herzinfarkt Schmerzen, Atemnot und Ängste zu lindern, ist es ratsam, eine Opioidspritze aufzuziehen - das hat jeder Arzt gelernt.

Die analgetische Wirkung hat den weiteren Effekt, die Sympathikusaktivierung zu dämpfen und dadurch Vasokonstriktion und kardiale Last zu senken.

Theoretisch leuchtet das alles ein. Randomisierte und kontrollierte Studien, die den Nutzen und die Sicherheit von Opioiden für Infarktpatienten mit Blick auf harte Endpunkte belegen würden, fehlen aber praktisch vollständig.

In jüngster Zeit hat es zudem Hinweise gegeben, wonach sich die Gabe von Opioiden negativ auf die Pharmakokinetik und Pharmakodynamik von Thrombozytenaggregationshemmern wie die Thienopyridine Clopidogrel und Prasugrel oder das Cyclopentyltriazolopyrimidin Ticagrelor auswirken könnte.

Damit wäre der Erfolg in der Akutphase der Infarkttherapie gefährdet.

Kein signifikanter Unterschied in Überlebensraten

Wie sich die prästationäre Gabe von Opioiden auf die Resultate der stationären Versorgung und die Ein-Jahres-Sterblichkeit der betroffenen Patienten auswirkt, hat der Kardiologe Dr. Etienne Puymirat von der Université Paris Descartes zusammen mit Kollegen anhand zweier Kohorten - einer von 2010 und einer von 2005 - eines französischen Herzinfarktregisters untersucht (European Heart Journal 2015, online 17. November).

Von den gut 2400 Patienten mit STEMI der 2010er-Kohorte hatten 453 (19 Prozent) prästationär ein Morphin erhalten. Die Komplikationsrate während des Klinikaufenthalts (Tod, Re-Infarkt, Schlaganfall, Stentthrombosen und Blutungen) unterschied sich zwischen beiden Gruppen nicht.

Die einschlägigen Raten reichten von 0,2 bis 5 Prozent. Auch die Ein-Jahres-Überlebensraten zeigten mit 94 Prozent (Opioid) gegenüber 89 Prozent (kein Opioid) keine signifikante Differenz.

Die Einteilung der Patienten nach etwa vorhandenen Polymorphismen des Multi-Drug-Resistance-Gens 1 sowie des zum Cytochrom-P450-Kreis zählenden CYP2C19 ergaben keine Abweichungen im Therapieergebnis. Ersteres beeinflusst die Resorption, Letzteres den Metabolismus etwa von Clopidogrel.

Trotz der nachhaltigen Empfehlung dafür hatte nur etwa jeder fünfte der untersuchten STEMI-Patienten prästationär ein Opioid erhalten. Selbst Notärzte griffen nur bei knapp jedem vierten Patienten mit akutem Infarkt zur Spritze mit Morphin.

Das liege wahrscheinlich am Mangel an spezifischen Studien zum Wirknachweis, meinen Puymirat und Kollegen. Solange solche fehlten, sei es ratsam, den Leitlinien folgend Patienten mit schweren Brustschmerzen ein Morphin zu spritzen.

"Im Rahmen der ärztlichen Routine", so die Forscher, "war der Einsatz von Morphin bei Patienten mit ST-Hebungsinfarkt nicht mit vermehrten Komplikationen verbunden, Stentthrombosen und Ein-Jahres-Mortalität eingeschlossen."

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