Ärzte Zeitung, 30.08.2011

Geringes Blutungsrisiko bei oraler Antikoagulation im Alter

Auch sehr alte Patienten können sicher mit Vitamin-K-Antagonisten behandelt werden. Gutes Antikoagulations-Management vorausgesetzt, liegt das Blutungsrisiko bei knapp zwei pro 100 Patientenjahre.

Von Dirk Einecke

Geringes Blutungsrisiko bei oraler Antikoagulation im Alter

Das Schlaganfallrisiko bei Vorhofflimmern ist bei älteren Patienten deutlich höher als bei jüngeren.

© J-Elgaard / iStockphoto

PARIS. Aufgrund der demographischen Entwicklung benötigen immer mehr alte und gebrechliche Patienten eine Antikoagulation.

Denn im Alter über 80 Jahren steige die Prävalenz des Vorhofflimmerns deutlich, berichtete Dr. Daniela Poli vom Thrombosezentrum AOU in Florenz beim Europäischen Kardiologiekongress in Paris.

Das Schlaganfallrisiko bei Vorhofflimmern ist im Alter höher als bei jüngeren Patienten. Auch enden Schlaganfälle im Alter häufiger tödlich.

Viele ältere Patienten haben zudem eine Nierenschwäche. Bei schwerer Nierenfunktionseinschränkung sind die neuen Antikoagulanzien kontraindiziert, so dass gerade sehr alte Patienten oft auf Vitamin-K-Antagonisten angewiesen bleiben, erläuterte Poli.

Doch bei den betagten Patienten werden diese sehr zögerlich eingesetzt, vor allem aufgrund des erhöhten Blutungsrisikos im Alter.

Wie hoch das Blutungsrisiko bei sehr alten Patienten tatsächlich ist, wurde nun in der italienischen EPICA-Studie geprüft.

Teilnehmer waren 4083 im Durchschnitt 84 Jahre alte Patienten, von denen 75 Prozent wegen Vorhofflimmerns und 25 Prozent aufgrund von venösen Thromboembolien erstmals im Alter von über 80 Jahren auf eine Therapie mit Vitamin-K-Antagonisten eingestellt worden waren.

Die Patienten wurden in spezialisierten Zentren betreut, die eine gute INR-Einstellung sicherstellten: Die Patienten verbrachten 63 Prozent der Zeit innerhalb des INR-Zielbereiches, 14 Prozent darüber und 23 Prozent darunter.

Während des Studienzeitraumes (etwas mehr als 9000 Patientenjahre) wurden 174 schwere Blutungen registriert. Das Blutungsrisiko betrug 2,2 Prozent/Jahr für Männer und 1,4 Prozent/Jahr für Frauen.

Das Risiko intrakranieller Blutungen lag bei 0,5 Prozent pro Jahr, das Risiko tödlicher Blutungen bei 0,27 Prozent pro Jahr. 112 Patienten erlitten eine TIA oder einen Schlaganfall. 1,3 Prozent der Männer sowie 1,6 Prozent der Frauen hatten jährlich ein solches Ereignis.

Polis Fazit: Auch bei sehr betagten Patienten ist das Blutungsrisiko unter Vitamin-K-Antagonisten gering, sofern ein gutes Antikoagulationsmanagement gewährleistet ist. Der Nutzen überwiegt eindeutig die Risiken.

[31.08.2011, 13:05:49]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Trügerische Sicherheit
Auch wenn Frau Dr. Daniela Poli vom Thrombosezentrum AOU in Florenz beim Europäischen Kardiologiekongress in Paris vorträgt, ihre Zahlen bedeuten trügerische Sicherheit.

Bei mit Vitamin-K-Antagonisten (Marcumar, Warfarin) behandelten, sehr alten Patienten liege das Blutungsrisiko "nur" bei knapp zwei pro 100 Patientenjahre. 2,2 Prozent/Jahr bei Männern und 1,4 Prozent/Jahr bei Frauen. Ein optimiertes Antikoagulations-Management vorausgesetzt, erreicht demnach das kumulative Risiko bei dieser Patientengruppe und 10-jähriger VKA-Behandlungsdauer 14 - 22 Prozent!

Durchschnittlich fast jeder 5. Patient hätte in 10 Jahren Antikoagulation mit Phenprocoumon mit schweren Blutungen und Komplikationen zu rechnen. Das ist K E I N geringes Blutungsrisiko bei oraler Antikoagulation im Alter.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So schädlich fürs Herz wie Cholesterin

Depressionen steigern bei Männern das Risiko fürs Herz ähnlich stark wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. Das ergab eine aktuelle Analyse der KORA-Studie. mehr »

Den Berg im eigenen Tempo erklimmen

Medizinstudentin Solveig Mosthaf fühlt sich im Studium manchmal, als würde sie einen steilen Berg hinauf kraxeln. Sie wünscht sich mehr Planungsfreiheit – und die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. mehr »

Positive HPV-Serologie bringt bessere Prognose

Bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumor ist eine positive HPV-16-Serologie mit einem verbesserten Überleben assoziiert. Das bestätigt jetzt eine US-Studie. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Fünf-Jahres-Überleben sogar 67 Prozent höher. mehr »