Ärzte Zeitung, 13.11.2011

Todesfälle und Pradaxa: "Bedauerliche Medienberichte"

"Todesfälle durch Pradaxa", "Tödliche Pillen" - so haben Medien jüngst den Gerinnungshemmer Dabigatran (Pradaxa®) unter Beschuss genommen. Was an den Meldungen dran ist, erklärt der Kardiologe Professor Michael Böhm im Interview.

"Diese Medienberichte sind bedauerlich"

"Warnung mit der Roten Hand" - dieser Artikel in der "Zeit" brachte Dabigatran in die Schlagzeilen der Tagespresse.

© nös

Ärzte Zeitung: "Todesfälle durch Pradaxa jetzt auch in Deutschland" - diese beunruhigende Nachricht lief vorletzte Woche durch die Schlagzeilen sämtlicher Tageszeitungen und Journale. Ist das sorgfältige Erfüllung der journalistischen Informationspflicht oder übertriebene Panikmache?

Prof. Dr. Michael Böhm

"Diese Medienberichte sind bedauerlich"

Aktuelle Position: Direktor der Klinik für Innere Medizin III (Kardiologie, Angiologie, Internistische Intensivmedizin) des UKS in Homburg / Saar

Werdegang/Ausbildung: Tätigkeit an Kliniken in Hamburg, München, Köln und Homburg

Karriere: Vorstandsmitglied der ESC (European Society of Cardiology) und Hauptverantwortlicher der Programmkommission des ESC-Kongresses 2011 in Paris

Prof. Michael Böhm: In den Mitteilungen der Medien sind einzelne Todesfälle, die offensichtlich unter der Therapie mit einem neuen Antikoagulans aufgetreten sind, genannt worden. Die Zahl ist gering und man hat insbesondere nicht berücksichtigt, dass Patienten mit einer oralen Antikoagulation sehr krank sind und auch natürlicherweise sterben.

Diese Medienberichte sind bedauerlich, da weder der Zusammenhang mit der eingenommenen Medikation belegt noch ein Vergleich mit der Standardtherapie, das heißt mit dem in Deutschland verwendeten Vitamin K-Antagonisten Phenprocoumon - besser bekannt als Marcumar - gemacht wurde.

Die Zahlen spiegeln in keinem Fall die Realität wider, da sie wohl auf spontanen Berichten beruhen. Es handelt sich insofern um keine Information im engeren Sinn, sondern um eine Meldung aus nicht nachprüfbaren Quellen.

Ärzte Zeitung: Haben Sie selbst schon an Ihrer Klinik die Auswirkungen in Form verängstigter Patienten-Anfragen zu spüren bekommen?

Böhm: Ich habe selbstverständlich auch Anrufe von verängstigten Patienten bekommen. In kontrollierten prospektiven Studien ist diese gegebene Therapie als die Bessere belegt. Man kann die Patienten beruhigen, dass Sie auf der bisher besten Therapie bezüglich Blutungskomplikationen sind.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Patienten unter Pradaxa nicht Blutungen erleiden und gegebenenfalls auch versterben können. Dieses Risiko liegt in der Krankheit und der Notwendigkeit der antikoagulatorischen Therapie begründet.

Sollten diese Patienten aus Angst das Medikament absetzen, sind sie in besonderer Weise schlaganfallgefährdet. Somit hat eine falsch verstandene journalistische Informationspflicht in diesem Fall möglicherweise Schaden an Patienten verursacht.

Ärzte Zeitung: Was würden Sie Ihren ärztlichen Kollegen in der Praxisraten, wie sie im Falle besorgt nachfragender Patienten antworten sollten?

Böhm: Kundige Ärzte werden ihre Patienten über Risiken und Nutzen der Therapie aufklären. Sie werden darüber hinaus hoffentlich die Einschränkungen der Indikation beachtet haben. Hierzu zählt insbesondere eine eingeschränkte Nierenfunktion, die nach neuesten Hinweisen auch regelmäßig, das heisst einmal im Jahr, kontrolliert werden muss.

Ein optimal aufgeklärter Patient, der seine Medikamente zuverlässig einnimmt, hat somit auch einen optimalen Schutz davor, einen Schlaganfall zu erleiden.

Alle Hinweise auf Blutungen, die ohne fehlerhafte Behandlung oder ohne besonderes Risiko dieses Medikaments auftreten können, müssen allerdings auch ernst genommen werden und erfordern die sofortige ärztliche Behandlung.

Es sind keine realen Risiken berichtet worden, sondern nicht belegte Zahlen verbreitet worden. Diese Ereignisse werden hoffentlich dazu beitragen, dass das Informationssystem weiter verfeinert wird, dass auf Nebenwirkungen geachtet wird und dass wirklich alle Nebenwirkungen gemeldet werden.

Besonders wünschenswert wäre die Meldung von Blutungen bei der Vergleichssubstanz Marcumar. Den Studenten wird beigebracht, dass unter Marcumar 1 Prozent Blutungen pro Jahr auftreten.

Vergleicht man im Falle von Pradaxa die berichteten Zahlen mit den Behandlungszahlen, liegt dieses Blutungsrisiko immer noch um ein Vielfaches niedriger als unter Marcumar. Es ist allerdings so, dass die Zahlen nicht vollständig berichtet sind.

Nach wie vor ist deshalb der sogenannte goldene Standard die Information aus einer kontrollierten Studie. Hält man sich an diese Information, bedeutet das, dass insbesondere das Blutungsrisiko für intrazerebrale Blutungen mit Pradaxa geringer als mit Marcumar ist.

Das Gespräch führte Peter Overbeck

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