Ärzte Zeitung online, 09.01.2014

Kammerflimmern

Antiarrhythmika bei Reanimation von Nutzen?

Bekommen Patienten mit Kammerflimmern bei der Reanimation Antiarrhythmika, soll deren Chance steigen, lebend ins Krankenhaus eingeliefert zu werden. Und die Chance, es später lebend verlassen zu können, steigt die auch?

CHENGDU / CHINA KOREA. Um bei Patienten mit Kammerflimmern möglichst schnell wieder einen normalen Sinusrhythmus zu erreichen, empfehlen die aktuellen Reanimationsleitlinien von ERC und AHA neben der Defibrillation Antiarrhythmika.

Deren Effekt auf das Überleben der Betroffenen haben Forscher aus China in einem aktuellen Review nun genauer unter die Lupe genommen.

In Deutschland sterben etwa 100.000 bis 200.000 Menschen einen plötzlichen Herztod, meist in Folge einer pulslosen Kammertachykardie oder eines Kammerflimmerns (VF).

In diesem Fall sollen Antiarryhthmika bei der Defibrillation helfen, das Herz so rasch als möglich wieder in einen normalen Rhythmus zu bringen.

Update nach drei Jahren Forschung

Entsprechend lauten die Empfehlungen der aktuellen Reanimationsleitlinien aus dem Jahr 2010. Wie die Antiarrhythmika heute nach weiteren drei Jahren Forschung zu bewerten sind, vor allem auch die neu entwickelten Substanzen, haben chinesische Forscher in einem Review zu klären versucht (Crit Care 2013; 17: R173).

Tatsächlich war die Ausbeute recht mager: Zwar sind seit 1948 immerhin 1583 Studien zu dieser Thematik veröffentlicht worden, den erforderlichen Kriterien entsprachen allerdings nur 17.

Berücksichtigt haben Yu Huang von der Chongqing Medical University in Chengdu und seine Kollegen ausschließlich randomisierte, kontrollierte Studien oder prospektive/retrospektive Kohortenstudien, die neben dem unmittelbaren Reanimationserfolg auch Angaben zur Überlebensdauer der Patienten beinhalteten.

Schließlich ordneten sie die Studien folgenden Gruppen zu: Antiarrhythmika (Amiodaron, Lidocain, Magnesium) vs. Placebo, Amiodaron vs. Lidocain, Nifekalant vs. Lidocain/Amiodaron und andere Medikamente.

Ernüchternd waren Ausbeute wie auch das Ergebnis

So ernüchternd wie die Ausbeute war auch das Ergebnis: Weder Amiodaron noch Lidocain, Magnesium oder Nifekalant verbesserten langfristig die Überlebenschancen der Patienten.

Für den initialen Erfolg der Wiederbelebungsmaßnahmen hingegen, gemessen anhand des Anteils der Patienten, bei denen der normale Herzrhythmus und die Blutzirkulation wieder einsetzten und die bei Ankunft im Krankenhaus noch gelebt haben, war ein positiver Effekt für die genannten Antiarrhythmika nachzuweisen.

Wobei Amiodaron etwas besser abschnitt als Lidocain und Nifekalant. Bretylium und Sotalol zeigten keinen Benefit, wobei hier noch weniger Daten zur Verfügung standen als bei den anderen Wirkstoffen.

Diese Ergebnisse stammen allerdings nicht ausschließlich aus den gepoolten Analysen, vielmehr kamen einige dieser Resultate erst nach Ausschluss von Studien mit sehr hohem Bias-Risiko, also vornehmlich retrospektive Studien, zustande.

Beispielsweise für Amiodaron, das in der gepoolten Analyse in keinem Punkt besser abschnitt als Placebo, in den qualitativ hochwertigen Untersuchungen aber einen Vorteil hinsichtlich initialer Wiederbelebung zeigte (RR 1,27, 95%CI 1,02-1,59).

Keine Substanz verbessert die langfristigen Überlebenschancen

Ähnliches gilt für den Vergleich Amiodaron mit Lidocain, wobei nur die qualitativ hochwertigere von zwei Studien Amiodaron einen Vorteil bescheinigte (RR 1,90, 95CI 1,16-3,11).

Doch gerade bei der so großen Heterogenität des verfügbaren Datenmaterials sei es unabdingbar, so die Studienautoren, die entsprechend fehlerbelasteten Studien auszuschließen.

Huang und Kollegen ziehen mit Hinweis auf die limitierte Datenmenge und der geringen Evidenz folgendes Resümee: Keine der antiarrhythmisch wirkenden Substanzen sei in der Lage, die langfristigen Überlebenschancen zu verbessern, und lediglich Amiodaron scheine sich günstig auf den Erfolg der initialen Wiederbelebungsversuche auszuwirken.

Keiner der neuen Wirkstoffe kann zum momentanen Zeitpunkt für die Reanimation von VF-Patienten empfohlen werden. Der wichtigste Schluss und gleichzeitig Appell der Studienautoren ist aber wohl, dass es zwingend mehr gut designte Studien geben muss, um den Nutzen der Antiarrhythmika bei der Reanimation von VF-Patienten tatsächlich beurteilen zu können. (dk)

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