Ärzte Zeitung, 15.06.2016

Epidemiologie

Alles eine Frage der Definition?

Je nachdem, wie das Metabolische Syndrom definiert wird, kommt es zu großen Unterschieden in der Prävalenz, schreiben Sozialmediziner.

NEU-ISENBURG. Adipositas, Hyperlipidämie, Diabetes, Bluthochdruck - immer wieder werden erschreckend hohe Prävalenzen für diese Erkrankungen genannt: So sind zwei von drei Männern und jede zweite Frau in Deutschland übergewichtig, etwa 60 Prozent der Deutschen hat ein Gesamtcholesterin über 190 mg/dl und fast jeder dritte Deutsche hat Bluthochdruck. Doch wie viele Deutsche haben auch tatsächlich ein metabolisches Syndrom (MetS)?

Unterschiedliche Definitionen

Eine genaue Prävalenz ist schon deswegen schwierig auszumachen, da unterschiedliche Definitionen des MetS kursieren. Mal steht die Insulinresistenz im Fokus, wie bei der Definition der WHO aus dem Jahr 1998, mal ist eine zentrale Adipositas ausschlaggebend, wie in der Definition der International Diabetes Foundation (IDF) von 2005. Bei der Definition von AHA/NHLBI (American Heart Association/National Heart, Lung and Blood Institute), ebenfalls aus dem Jahr 2005, wiederum ist die Erfüllung von mindestens drei von fünf Kriterien notwendig (zum Beispiel großer Taillenumfang, erhöhte Triglyceridwerte, erniedrigtes HDL-Cholesterin) .

Wie sehr sich die Prävalenz abhängig von der Definition unterscheidet, haben Forscher um Nadine Ladebeck von der Uni Magdeburg untersucht (Zbl Arbeitsmed 2015; 65:127-132). Ihre Analyse basiert auf Daten der lidA-Studie, ("leben in der Arbeit") bei der Erwerbstätige der Jahrgänge 1959 und 1965 in computergestützten Interviews befragt wurden.

"Die Anwendung verschiedener Definitionen bei derselben Studienpopulation führte zu erheblichen Unterschieden bezüglich der Prävalenzen des MetS", so die Autoren: Von über 4000 Befragten erfüllten die Kriterien für das MetS nach WHO-Definition 1,2 Prozent, nach AHA/NHLBI 3 Prozent und nach IDF 7 Prozent der Befragten.

Unterschätzung der Körpermaße

Dass die Prävalenz in der Untersuchung insgesamt so gering ist, führen die Sozialmediziner auf eine mögliche Unterschätzung der Körpermaße durch die Probanden zurück, und auch der "Healthy-worker-Effekt", also die Tatsache, dass es sich um gesunde, arbeitsfähige Teilnehmer handelt, könne eine Rolle spielen.

Andere Erhebungen mit Bevölkerungsbezug wiesen deutlich höhere Lebenszeitprävalenzen für ein MetS auf, so werde nach AHA/NHBLI-Kriterien die Prävalenz unter erwachsenen Westeuropäern auf 20-30 Prozent geschätzt, nach IDF-Kriterien auf 30-40 Prozent.

"Die Unterschiede in den Definitionen erschweren bis heute nicht nur die Diagnosestellung, sondern auch die Vergleichbarkeit der Prävalenzen einzelner Studien über die Zeit", so das Fazit von Ladebeck und Kollegen. (grz)

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