Ärzte Zeitung, 09.07.2004

Zuviel Therapie bei Stenose in der Karotis ohne Symptome?

Überraschendes Ergebnis einer Langzeitstudie

MANNHEIM (ner). Werden Patienten mit asymptomatischen Karotis-stenosen übertherapiert? Die Rate tödlicher Schlaganfälle ist jedenfalls erstaunlich niedrig, hat eine Langzeitstudie ergeben, die beim Europäischen Schlaganfall-Kongreß in Mannheim vorgestellt wurde.

"Man würde erwarten, daß Patienten mit Karotisstenose überzufällig häufig an einem Schlaganfall sterben. Das ist aber definitiv nicht der Fall", so Professor Michael Daffertshofer vom Universitätsklinikum Mannheim zur "Ärzte Zeitung".

Er hat mit Heidelberger Kollegen den Spontanverlauf bei 441 Patienten mit asymptomatischen extrakraniellen Arterienstenosen, meist Karotisstenosen, über 25 Jahre beobachtet. Von 269 im Studienzeitraum verstorbenen Patienten starben neun Prozent an einem Schlaganfall, bei 42 Prozent hatte der Tod kardiale Ursachen, fast die Hälfte starb an anderen Krankheiten.

Die jährliche Schlaganfallrate lag in der Studie bei nur drei Prozent. "Da stellt sich schon die Frage, ob nicht zuviel gemacht wird", sagte Daffertshofer mit Blick auf Gefäßchirurgie und interventionelle Eingriffe wie Karotis-Stenting. Wenn die Stenose über Jahre unverändert bleibe, sei die jährliche Insultrate noch geringer als drei Prozent.

Die Studie steht im Kontrast zu Interventionsstudien, die die Vorteile von chirurgischen Eingriffen hervorheben. Zudem gab es keine Kontrollgruppe und eine relativ hohe Zahl von Patienten (13) konnte nicht über den ganzen Zeitraum beurteilt werden. Die Gesamtzahl der Schlaganfälle und transitorischen ischämischen Attacken betrug 100 von 441.

Nach Meinung von Daffertshofer ergeben sich drei Konsequenzen. Erstens sollten Patienten mit asymptomatischen Karotisstenosen, da vor allem das kardiologische Risiko bei ihnen recht hoch ist, engmaschig von Kardiologen betreut werden. Zweitens gelte es, Risikogruppen zu definieren, die von Interventionen profitieren, etwa bei hochgradigen oder zunehmenden Stenosen. Und: Bei so niedriger Spontan-Insultrate müsse man sehr hohe Qualitätsanforderungen an die Intervention stellen.

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