Thrombose/Schlaganfall

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Ärzte Zeitung, 07.06.2005

HINTERGRUND

Europäische Neurologen wollen Sterblichkeit beim Schlaganfall mit Hilfe der Telemedizin mindern

Hirnaufnahmen per Telemedizin gesendet. Klinikbefunde von Insult-Patienten können so mit Stroke-Unit-Experten diskutiert werden. Foto: NEC-Mitsubishi

Von Nicola Siegmund-Schultze

Schlaganfälle sind die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Als Ursache für schwere Invalidität der Menschen stehen sie aber erster Stelle. Beides, Sterblichkeit und Morbidität, ließe sich durch eine schnellere und bessere klinische Versorgung reduzieren.

Die Neurologen beim "European Stroke Congress" (ESCO) in Bologna haben sich jedenfalls ehrgeizig ein Ziel gesetzt: Bei optimaler Versorgung ließe sich die Sterblichkeit innerhalb von drei Monaten nach dem Schlaganfall von derzeit 25 bis 30 Prozent auf etwa zehn Prozent senken. Der Anteil der Überlebenden, die erheblich beeinträchtig sind, könne von derzeit 25 bis 50 Prozent vermutlich auf die Hälfte reduziert werden, so der Heidelberger Neurologe Professor Werner Hacke.

Stroke Units sind für Patienten auf dem Land oft zu weit weg

Einen Fortschritt haben nach Aussage von Hacke bereits die Stroke Units gebracht. Etwa 130 gibt es derzeit in Deutschland, aber sie liegen meist in großen Städten und in der Nähe von Autobahnen. Für Schlaganfall-Patienten aus ländlichen Gebieten sind sie oft nicht schnell genug erreichbar. Ein Problem, das die meisten anderen Länder Europas auch haben.

Die europäische Initiative "Act now", ein Experten-Gremium, dessen Arbeit von Boehringer-Ingelheim unterstützt wird, setzt sich daher für ein verbessertes Management des Schlanganfalls durch Telemedizin ein: "Schnelles Erkennen von Insultsymptomen, rascher Kontakt mit Notfallmedizinern, rasche und richtige Diagnose und Behandlung in einer Klinik - diese Handlungskette müssen wir beschleunigen", sagte Professor Luis Garcia-Castrillo Riesgo von der Universitätsklinik in Canta-bria in Spanien bei einer Veranstaltung des Unternehmens.

Eine kostensparende Möglichkeit dazu bietet die Telemedizin. Mit Hilfe von Video-Konferenz-Systemen, die für zirka 8000 Euro erhältlich sind, können auch kleinere Kliniken rasch und rund um die Uhr mit Stroke Units Kontakt aufnehmen: Ein solches System wird etwa am Klinikum München-Harlaching seit zwei Jahren erprobt.

Das Klinikum ist eine von zwei Stroke Units, die beim TEMPiS-Projekt (Telemedizin Pilotprojekt für integrative Schlaganfall-Versorgung) mit zwölf weiteren Krankenhäusern der Umgebung vernetzt ist. Ein Patient mit Verdacht auf Schlaganfall wird im Notfallwagen in das nächstgelegene Krankenhaus gefahren. Die dortigen Ärzte übertragen ein Live-Video vom Patienten an die Stroke Unit, außerdem die CT-Bilder.

Der Schlaganfall-Experte sieht die Aufnahmen am Computer und diskutiert Befund und Therapie-Optionen mit den Kollegen. Der Neurologe in der Stroke Unit kann auch die Kameraführung beeinflussen und so direkt mit dem Patienten oder den Angehörigen kommunizieren. "Die meisten Schlaganfall-Patienten und ihre Angehörigen haben ein besseres Gefühl, wenn sie wissen, bei Diagnose und Therapie sind Experten involviert", sagte Professor Roman Haberl, Leiter der Abteilung Neurologie am Klinikum München-Harlaching.

Nach einem Jahr und drei Monaten Erprobungsphase von TEMPiS ziehen die Wissenschaftler Bilanz: Insgesamt sei das Angebot von allen Beteiligten inklusive den Patienten gut angenommen worden. Die Krankenhaus-Liegezeit bei Schlaganfall habe sich in den kooperierenden Kliniken um im Mittel 2,6 Tage reduziert, die Thrombolyse-Rate sich von unter vier auf fünf Prozent erhöht.

Kommen Patienten früh, erhalten 40 Prozent eine Lyse

Da geht allerdings noch mehr, meint Hacke. In der Abteilung Neurologie der Universitätsklinik Heidelberg erfolge derzeit bei 15 Prozent aller Schlaganfall-Patienten eine Thrombolyse. Von jenen, die innerhalb von drei Stunden nach Beginn der Symptomatik behandelt werden und einen ischämischem Infarkt haben - das sind 80 Prozent der Patienten - erhalten sogar 40 Prozent eine Lyse.

Das Risiko, schwere Beeinträchtigungen durch den Schlaganfall davon zu tragen, reduziert sich durch erfolgreiche Thrombolyse im Zeitfenster von drei Stunden um fünfzig Prozent.

Voraussetzung für die Thrombolyse mit rekombinantem Gewebs-Plasminogen-Aktivator (Alteplase) ist allerdings die richtige Patienten-Auswahl: Die Blutgerinnung sollte normal sein, Blutungen, auch Mikroblutungen, sollten ausgeschlossen werden, ebenso Tumoren, akute Ulzera und kurz zurückliegende operative Eingriffe. Das Blutungsrisiko durch Thrombolyse läßt sich den Erfahrungen in Heidelberg zu Folge dann auf unter zehn Prozent senken. Diese Blutungskomplikationsrate wird derzeit bei Thrombolyse nach Schlaganfall angegeben.

Als hilfreich für die Behandlung von Schlaganfall-Patienten hat sich nach Angaben des Neurologen Dr. Guntram Ickenstein von der Universität Regensburg die Stroke-Lyse-Box des Unternehmens erwiesen. Das kompakte Köfferchen enthält rt-PA-Ampullen (Actilyse®), Medikamente etwa gegen Bluthochdruck oder Hyperglykämie, Spritzen, Infusionsbestecke sowie Material zur Blutentnahme. Zudem liegt eine Handlungsanweisung für die Lyse bei.

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