Ärzte Zeitung online, 12.12.2008

Experten kritisieren Berichte zur "Teebeutel"-Therapie bei Schlaganfall

BERLIN (eb). Kritik an der Stammzell-Therapie bei Hirnblutung kommt von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) aus Berlin. Es sei viel zu verfrüht, Hoffnungen in die so genannte "Teebeutel"-Therapie zu setzen. Die Fachgesellschaften kritisieren die "wissenschaftlich unseriöse Öffentlichkeitsarbeit" mit lediglich einem einzigen behandelten Patienten.

Vor wenigen Tagen ging es durch die Medien: Ärzten des International Neuroscience Institute (INI) Hannover sei der Durchbruch bei der Schlaganfall-Behandlung gelungen. Weil die Stammzellen in einen Beutel verpackt eingesetzt werden, war schnell das Schlagwort von der "Teebeutel"-Therapie" geboren (wir berichteten).

Die Kritik der Fachgesellschaften: Es sei mit guter wissenschaftlicher Arbeit nicht vereinbar, einen Pilotversuch an einem einzigen Patienten in die Öffentlichkeit zu tragen mit der Unterstellung, einen spektakulären Therapie-Erfolg erzielt zu haben. Dies gelte auch für neue Verfahren, die wie hier tierexperimentell getestet und von einer Ethik-Kommission positiv begutachtet wurden.

Die begeisterungsfähigen Medien machen durch ihre Berichterstattung den Patienten und Angehörigen Hoffnungen, die nicht erfüllt werden können und schließlich zu Irritationen und mitunter zu großen Enttäuschungen führen, wie die Fachgesellschaften in einer gemeinsamen Erklärung mitteilten. Und sie diskreditierten die nach wissenschaftlichen Kriterien angefertigten Studien, der die Öffentlichkeit dann nicht mehr die erforderliche Beachtung schenke.

"Keine Unterscheidung zwischen natürlichem Krankheitsverlauf und Therapie möglich"

Im vorliegenden Fall erlitt ein 49-jähriger Patient eine zerebrale Blutung, die zunächst operativ entfernt worden war. Anschließend hat der Patient einen Beutel mit Knochenmarkstammzellen eingesetzt bekommen, der 14 Tage später wieder entfernt wurde. Bei den Stammzellen handelte es sich um eine Stammzelllinie aus dem Knochenmark eines fremden Menschen, die gentechnisch so verändert worden war, dass sie das Hormon Glukagon Like Peptide (GLP-1) produzierte. Die Stammzellen wurden von der CellMed AG hergestellt, ein Tochterunternehmen der Biocompatibles International mit Sitz in Farnham (Großbritannien).

Die Medien berichteten, dass es dem Patienten eine Woche nach dem Eingriff deutlich besser ginge, da die Lähmungserscheinungen weitgehend verschwunden waren und sich die geschädigten Hirnareale durch die Zelltherapie offenbar wieder erholt hätten. Der ursächliche Zusammenhang dieser Besserung und der Therapie sei damit aber nicht gezeigt, denn auch ohne spezielle Behandlung komme es bei vielen Schlaganfällen im Verlauf zu einer Besserung der Symptome.

Wissenschaftlich korrekt wäre gewesen, nach gründlichen experimentellen Vorarbeiten den neuen Therapieansatz in einer randomisierten, kontrollierten Studie zunächst auf ihre Sicherheit und ihre tatsächliche Wirksamkeit zu überprüfen. Erst danach sei es vertretbar, an die breite Öffentlichkeit zu gehen.

Die Fachgesellschaften weisen darum ausdrücklich darauf hin, dass mindestens 300 Patienten behandelt werden müssen, um den Erfolg einer Therapie bei zerebralen Blutungen beurteilen zu können. Zu der als Erfolg gepriesenen Therapie liegt noch nicht einmal eine Pilotstudie zur Sicherheit vor. Diese Phase I/II-Studie solle erst jetzt mit weiteren 20 Patienten begonnen werden, teilte Biocompatibles International mit.

Deutsche Gesellschaft für Neurologie: www.dgn.org

Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft: www.dsg-info.de

International Neuroscience Institute: www.ini-hannover.de

Homepage der CellMed AG: www.cellmed.com

Homepage der Biocompatibles International plc: www.biocompatibles.com

Pressemitteilung der CellMedAG/Biocompatibles International vom 2. Dezember 2008: www.biocompatibles.com/news/first-ever-treatment-of-stroke-patient-with-stem-cell-therapy-product/

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