Ärzte Zeitung online, 03.03.2009

Therapie am Klavier hilft Schlaganfallpatienten

HANNOVER (dpa). Seine erste Klavierstunde hatte Gerhard Beyer mit 58 Jahren. Nach einem Schlaganfall konnte der Ingenieur aus Ilten bei Hannover seine rechte Körperhälfte kaum noch bewegen, der Arm hing schlaff herunter. In der Rehabilitation wurde er gefragt, ob er eine neue Therapie ausprobieren wolle. Ausgerechnet mit Fingerübungen am Keyboard sollte er seine Bewegungsfähigkeit wiedererlangen. Beyer war skeptisch. Nach nur drei Monaten mit regelmäßigen Tastenübungen verblüfft ihn der Erfolg. Das Spielen verbessere die Beweglichkeit der Finger enorm.

Das "Musikunterstützte Training" für Schlaganfallpatienten ist als Gemeinschaftsprojekt der Hochschule für Musik und Theater Hannover und der Universität Magdeburg entwickelt worden. Nun soll es in Reha-Einrichtungen in ganz Deutschland etabliert werden. Denn eine Untersuchung mit 77 Patienten sowie noch unveröffentlichte Folgestudien legen den Schluss nahe: Die Übungen am Klavier und an Trommeln können bessere Heilungseffekte erzielen als Krankengymnastik und Ergotherapie allein.

"Die Musik spricht unterschiedlichste Hirnareale an und lässt sie zusammenspielen", erklärt die Psychologin und Musikpädagogin Sabine Schneider, die aus dem Thema ihre Doktorarbeit machte. Sie konzipierte das Training mit dem Medizinprofessor Thomas Münte und dem Leiter des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin, Prof. Eckart Altenmüller.

   Schneider lässt Beyer mit seiner beeinträchtigten rechten Hand Tonfolgen spielen, danach sind einfache Kinder- und Volkslieder an der Reihe. Der Ingenieur, der sich selbst als völlig unmusikalisch bezeichnet, strengt sich an, das Tempo zu halten. "Das war ein Fehlgriff", kommentiert er ärgerlich einen Misston. Die Selbstkontrolle durch das Hören sei ein großer Vorteil der Therapie, die gleichzeitig Feinmotorik, Konzentrationsfähigkeit und die Gedächtnisleistung schule, erläutert die Therapeutin. Durch das Singen am Schluss jeder Sitzung werde bei Patienten mit Sprachstörungen sogar das Sprechen verbessert.

   200 000 Menschen in Deutschland erleiden jährlich einen Schlaganfall. Für einen Großteil von ihnen kommt das neue Training infrage. Aber auch Patienten mit Multipler Sklerose, Parkinson oder anderen neurologischen Erkrankungen könnten davon profitieren, ist Schneider überzeugt. Die positiven Effekte der Musiktherapie haben sich jedoch noch nicht in allen Reha-Kliniken herumgesprochen. "Das Potenzial und der Nachholbedarf sind riesig", meint Stefan Mainka, der als neurologischer Musiktherapeut in einer Klinik in Beelitz-Heilstätten (Brandenburg) arbeitet.   

   Die Behandlungserfolge mit Musik bei Sprachstörungen, Problemen beim Gehen sowie bei der Fingerfertigkeit seien inzwischen sehr gut wissenschaftlich belegt, erklärt er. Trotzdem wird Musiktherapie laut einer Untersuchung von 2002 bisher nur in knapp einem Drittel der deutschen neurologischen Reha-Kliniken angeboten. Mainka bietet auch eine Internet-Seite zum Thema an, denn er hat festgestellt: "Patienten und Angehörige haben einen enormen Informationsbedarf."

   In Hannover will Gerhard Beyer weiter diszipliniert am Keyboard üben. "Ich weiß, dass eine Beeinträchtigung bleiben wird. Aber mein großes Ziel ist es, wieder zu arbeiten", sagt der 58-Jährige. Sabine Schneider betreut ihn auch nach Abschluss ihrer Studie aus persönlichem Engagement weiter im Gesundheitszentrum, einer Klinik für ambulante-teilstationäre Rehabilitation. Hier sind die Tasten des Keyboards mit Zahlen versehen, denn inzwischen haben auch Ergotherapeuten ohne musikalischen Hintergrund das "Musikunterstützte Training" übernommen.

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