Mittwoch, 8. Februar 2012
Ärzte Zeitung online, 04.09.2009

Typ-2-Diabetiker ohne Infarkt sollten kein ASS zur Infarkt-Prävention nehmen

BOCHUM (eb). Nach neuen Studiendaten profitieren Patienten mit Typ-2-Diabetes nicht besonders von einer antithrombotischen Therapie, die Herzinfarkt oder Schlaganfall vorbeugen soll. Das betrifft zumindest Patienten, die bislang solche Ereignisse nicht hatten. Die Studienergebnisse überraschen, weil bei Diabetes bekanntermaßen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hoch ist.

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Foto: S. Kaulitzki ©www.fotolia.de

In einer publizierten Meta-Analyse mehreren Studien, die 95 000 Menschen aus der Allgemeinbevölkerung einschloss - veröffentlicht in der Fachzeitschrift - lag die Anzahl der kardiovaskulären Ereignisse unter Einnahme von Aspirin um zwölf Prozent niedriger als ohne. Dem stand jedoch eine signifikante Zunahme an Blutungen insbesondere aus dem Magen-Darm-Trakt gegenüber. Insgesamt wurde ein "Netto-Nutzen" von Aspirin für die Allgemeinbevölkerung als fraglich eingestuft (Lancet 337, 2009 1849).

In die gleiche Richtung weist auch die Studie "Aspirin for Asymptomatic Atherosclerosis (AAA)", die Dr. Georg Fowkes aus Edinburgh, Ende August 2009 auf dem Europäischen Kardiologenkongress in Barcelona vorstellte. Die Wissenschaftler untersuchten 29 000 schottische Frauen und Männer auf Erkrankungen der Gefäße. Sie fanden 3350 Teilnehmer mit Hinweisen auf eine beginnende, asymptomatische Atherosklerose, jedoch ohne Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Hälfte der Teilnehmer erhielt täglich 100 mg Aspirin (ASS), die andere Hälfte ein Placebo. Im Schnitt wurden die Personen 8,2 Jahre lang beobachtet und kardiovaskuläre Ereignisse erfasst. Ergebnis: Das Aspirin zeigte keine erkennbaren Vorteile bezüglich Gefäßerkrankungen.

Menschen mit Diabetes sind Hochrisikopatienten für Herz-Kreislauferkrankungen. Die Annahme war bisher, dass bei ihnen weniger gefäßbedingte Erkrankungen durch die Einnahme von ASS auftreten. Diese so genannte Primärprävention wird deshalb von der US-amerikanischen Diabetesgesellschaft (ADA) empfohlen. Auch die Praxisleitlinie der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) aus dem Jahr 2008 führt ASS an.

Inzwischen mehren sich aber die Arbeiten, welche gegen den Einsatz von ASS in der Primärprävention von Herz-Gefäßkomplikationen bei Diabetespatienten sprechen. So zeigten sich in der japanische Studie "Japanese Primary Prevention of Atherosclerosis with Aspirin for Diabetes" (JPAD), veröffentlicht in der Fachzeitschrift JAMA (300, 2008, 2134), nicht die erwarteten Vorteile, wenn Typ-2-Diabetiker ASS einnehmen.

Eine schwedische Arbeit fand sogar eine erhöhte Sterblichkeit von Diabetespatienten ohne vorausgegangene kardiovaskuläre Ereignisse unter ASS: "Aspirin increases mortality in diabetic patients without cardiovascular disease: a Swedish record linkage study" (Pharmacoepidemiol Drug Safety online vorab).

Die Mortalität stieg signifikant bei 50-Jährigen um 17 Prozent, bei 85-Jährigen um 29 Prozent. Günstig waren hingegen die Ergebnisse bei der sogenannten Sekundärprävention: Hatten die Teilnehmer bereits einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall, tendierte die Sterblichkeit mit Einnahme von Aspirin zu niedrigeren Zahlen als ohne Aspirin. Die Autoren dieser Studie fordern, die Leitlinien zu revidieren. Mit einer eventuellen Empfehlung von ASS zur Primärprävention bei Diabetes solle abgewartet werden, bis die Resultate größerer, randomisierter kontrollierter Studien vorliegen.

"Wir müssen also noch stärker als bisher abwägen, ob eine antithrombotische Therapie mit Aspirin bei Diabetes sinnvoll ist oder nicht, und auch die Nebenwirkungen wie Magen-Darmblutungen bedenken", so Professor Helmut Schatz aus Bochum, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), in einer Mitteilung der DGE. Zur primären Verhütung von Herzinfarkt und Schlaganfall ist dies nach den jetzt vorliegenden, neuen Studien offenbar nicht der Fall.

Diabetes mellitus gilt als besonderer Risikofaktor für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Mehr als drei Viertel der Diabetiker sterben an Folgen von Durchblutungsstörungen in diesen Gefäßen. Um die Gefahr zu senken, empfehlen viele wissenschaftliche Gremien eine antithrombotische Therapie, welche jedoch nicht generell, sondern individuell und abgestimmt auf die Vorgeschichte des Patienten erfolgen sollte.

Abstracts der Studien:

"Aspirin in the primary and secondary prevention of vascular disease: collaborative meta-analysis of individual participant data from randomised trials" (Lancet 337, 2009 1849)

"Low-Dose Aspirin for Primary Prevention of Atherosclerotic Events in Patients With Type 2 Diabetes" (JAMA 300, 2008, 2134)

"Aspirin increases mortality in diabetic patients without cardiovascular disease: a Swedish record linkage study" (Pharmacoepidemiol Drug Safety online vorab)

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