Ärzte Zeitung online, 19.05.2011

Behindert die verbesserte Schlaganfall-Therapie künftige Fortschritte?

Die Prognose von Schlaganfallpatienten hat sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verbessert. Paradoxerweise könnten sich aber gerade die erzielten Erfolge als ein Hindernis für künftige Fortschritte in der Therapie erweisen.

Schlaganfall-Therapie immer besser - verhindert das künftigen Fortschritt?

Patient auf der Stroke-Unit: Die Versorgung ist in den letzten Jahrzehnten besser geworden. Forscher vermuten, das könnte sich negativ auf künftig Fortschritte auswirken.

© michalke / imago

LOS ANGELES (ob). Ein Indikator dafür, wie sich die Prognose der Patienten nach Schlaganfall verändert hat, sind die zeitlichen Veränderungen der Ereignisraten in den Kontrollgruppen großer Studien zur Sekundärprävention des Schlaganfalls.

In den Kontrollarmen spiegeln sich am besten die zu unterschiedlichen Zeitpunkten geltenden Standards in der medizinischen Versorgung von Patienten wider.

Eine Forschergruppe um Dr. Jeffrey Saver aus Los Angeles hat unter diesem Aspekt jetzt 59 randomisierte kontrollierte Studien analysiert, die im Zeitraum der letzten 50 Jahre publiziert wurden (Circulation 2011; 123: 2111). In diesen Studien waren insgesamt 66.157 Schlaganfall-Patienten den Kontrollgruppen zugeteilt worden.

Die Analyse ihrer Daten ergab einen klaren zeitlichen Trend zur stetigen Abnahme von Schlaganfällen und vaskulären Ereignissen im Verlauf der letzten fünf Jahrzehnte.

Pro Dekade nahm etwa die jährliche Rate an Schlaganfallrezidiven absolut um rund 1 Prozent ab Bei den tödlichen Schlagabfällen gab es einen entsprechenden Rückgang um 0,28 Prozent. Mit Blick auf vaskuläre Ereignisse ermittelten die Forscher eine Abnahme der jährlichen Inzidenz um 1,33 Prozent pro Jahrzehnt.

Noch in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts erlitten pro Jahr 8,7 Prozent aller Patienten ein Schlaganfall-Rezidiv. In der 70er Jahren war diese Rate auf 6,1 Prozent und in den 80er Jahren dann schon auf 5,4 Prozent gesunken. In den 90er Jahren lag die Rezidivrate nur noch bei 4,0 Prozent. Von 2000 bis 2009 war bei einer Rate von knapp 5 Prozent keine weitere Reduktion zu verzeichnen.

Auch die jährliche Inzidenz von tödlichen Schlaganfällen war im selben Zeitraum rückläufig, und zwar von 2,87 Prozent in den 60er Jahren auf nur noch 0,36 Prozent in der jüngsten Dekade.

Bei Ausdehnung der Analyse auf ein breiter gefasstes Spektrum vaskulärer Ereignisse einschließlich Koronarkomplikationen bot sich das gleiche Bild: Lag die jährliche Inzidenzrate in den 60er Jahren noch bei 10,91 Prozent, betrug sie im Zeitraum ab dem jahr 2000 nur noch 6,29 Prozent

Die Gründe für die kontinuierliche Abnahme der Ereignisraten sehen die Autoren nicht zuletzt in der verbesserten Therapie. Nach ihrer Analyse sind vor allem die stärkere Nutzung antithrombotischer Therapien und die Reduktion der Blutdruckwerte wesentliche Triebkräfte für die beobachtete Entwicklung.

So erfreulich diese Gesamtentwicklung ist, so hinderlich könnte sie für eine Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte sein, befürchten die Autoren. Der Grund: Je niedriger die Ereignisrate, desto größer muss eine Studienpopulation als Stichprobe sein, um gemäß statistischen Anforderungen Unterschiede zwischen Gruppen aufdecken zu können.

In den letzten fünf Jahrzehnten ist die statistisch erforderliche Größe der Stichprobe in Studien zur Sekundärprävention des Schlaganfalls wegen der sinkenden Ereignisraten bereits auf mehr als das Doppelte angewachsen, haben Saver und seine Kollegen kalkuliert.

Sollte sich der Trend bei den Ereignisraten linear fortsetzen, sind demnächst Studienpopulationen von mehr als 15.000 Patienten erforderlich, um eine 20-prozentige relative Reduktion von Schlaganfall-Rezidiven durch eine neue Therapie nachweisen zu können.

Dass die dafür anfallenden hohen Kosten die Bereitschaft forschender Pharmaunternehmen, in neue Therapie zur Prävention des Schlaganfalls zu investieren, dämpfen könnten, liegt auf der Hand.

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