Ärzte Zeitung online, 01.10.2011

Kälte soll Hirngewebe bei Schlaganfall retten

Werden Patienten kurz nach einem Schlaganfall um zwei bis drei Grad herunter gekühlt, kann dies kostbares Hirngewebe retten. Und ein MRT-Verfahren erkennt, ob Patienten mit nächtlichem Schlaganfall noch für die Lyse-Therapie infrage kommen.

Kälte soll Hirngewebe bei Schlaganfall retten

Bei Schlaganfall zählt jede Minute, denn das Zeitfenster für eine Lysetherapie ist eng.

© Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

WIESBADEN (MUC/mut). Zwei große EU-finanzierte Studien könnten schon bald die Versorgung von Schlaganfall-Patienten verbessern. In der einen wird geprüft, ob auch Patienten mit nächtlichem Schlaganfall von einer Lyse-Therapie profitieren, in der anderen, ob eine Kältetherapie direkt nach dem Ereignis den Schaden im Gehirn begrenzt. Erste Pilotstudien waren sehr ermutigend.

Bei Schlaganfall in der Nacht ist Lysetherapie oft nicht möglich

In Deutschland erleiden etwa 250.000 Menschen jährlich einen Schlaganfall, davon passiert etwa jeder fünfte bis siebte in der Nacht. Die Patienten wachen dann zwar morgens mit den typischen Schlaganfallsymptomen wie Lähmungen, starken Kopfschmerzen oder Sehstörungen auf (Wake-up-Stroke), wissen aber nicht, wann genau das Ereignis eintrat.

Damit kommen sie auch nicht für eine Lyse-Therapie infrage, denn es ist unklar, ob sie sich noch in dem geeigneten Zeitfenster von maximal viereinhalb Stunden nach dem Apoplex befinden. Inzwischen wurde jedoch ein MRT-Verfahren entwickelt und evaluiert, mit dem sich der Zeitpunkt des Schlaganfalls in etwa bestimmen lässt.

Mit MRT soll Zeitpunkt des Hirninfarkts geklärt werden

Dabei werden diffusionsgewichtete Sequenzen (DWI) und FLAIR-Sequenzen miteinander verglichen, sagte Professor Christian Gerloff vom Uniklinikum Hamburg.

Ist die Schlaganfall-Läsion auf den DWI-Bildern erkennbar, nicht aber in den FLAIR-Aufnahmen, so könne man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der Apoplex weniger als viereinhalb Stunden alt ist, sagte der Neurologe auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Wiesbaden.

Gerloff präsentierte Daten von Untersuchungen mit knapp 800 Patienten, bei denen der Zeitpunkt des Schlaganfalls bekannt war. Mit der DWI/FLAIR-Technik ließ sich mit einer Genauigkeit von 90 Prozent anzeigen, ob die Patienten noch im Zeitfenster für eine Lyse-Therapie lagen.

Würde das MRT-Verfahren auf alle Patienten mit nächtlichem Schlaganfall angewandt, so ließen sich alleine in Deutschland etwa 2000 und in Europa etwa 30.000 Menschen vor Behinderung und Tod retten, sagte Gerloff. "Dies würde die klinische Praxis deutlich verändern".

MRT-Verfahren muss noch in Studien weiter geprüft werden

Zuvor muss sich das Verfahren aber noch in prospektiven Studien bewähren. Unter Leitung des Neurologischen Uniklinikums Hamburg-Eppendorf soll jetzt eine solche Studie in den kommenden Monaten beginnen.

Geplant ist eine Teilnehmerzahl von 800 Patienten, wobei mit verschiedenen Zentren in anderen europäischen Ländern kooperiert wird. Primärer Endpunkt ist der Anteil von Patienten, die nach 90 Tagen nur geringe bis keine Beeinträchtigungen haben, was einem Wert auf der modified Rankin Scale (mRS) von 0 bis 1 entspricht. Das Studienprojekt mit der Bezeichnung WAKE-UP ist auf fünf Jahre angelegt, die EU fördert es mit 11,6 Millionen Euro.

Kann Unterkühlung Schlaganfall-Folgen mildern?

Eine andere, ebenfalls von der EU geförderte Studie geht der Frage auf den Grund, ob eine künstliche Unterkühlung die Folgen eines Schlaganfalls mildern kann.

Grundlage dafür sind zum einen Beobachtungen aus Tierversuchen, bei denen per Hypothermie der Gewebeverlust bei einem Schlaganfall um etwa die Hälfte reduziert werden konnte, zum anderen wird die Hypothermie heute schon erfolgreich bei Patienten nach Reanimation oder bei neonataler Hypoxie angewandt, um Gehirnschäden zu vermeiden.

In kleinen klinischen Studien deutete sich ebenfalls an, dass auch Schlaganfallpatienten von der Methode profitieren, sagte Professor Stefan Schwab vom Uniklinikum Erlangen.

Europaweite Studie mit 1500 Patienten geplant

In der jetzt geplanten europaweiten Studie EuroHYP-1 wird unter Leitung der Erlanger Neurologen das Verfahren bei 1500 Patienten mit frischem Schlaganfall untersucht.

Die Hälfte der Patienten erhält die Standardtherapie, die andere Hälfte zusätzlich eine Hypothermiebehandlung. Bei ihnen wird die Körpertemperatur in einem Zeitfenster von 5,5 Stunden nach dem Ereignis auf einen Wert von 34 bis 35 Grad gekühlt, und dies für eine Dauer von 24 Stunden.

Eingeleitet wird die Kühlung durch eine isotonische Kochsalzlösung, anschließend wird die Körpertemperatur durch Kühlung der Körperoberfläche oder über ein endovaskuläres Kühl-Kathetersystem niedrig gehalten. Primärer Endpunkt ist auch hier der Grad der Behinderung nach drei Monaten, gemessen mit der Rankin-Scale.

[01.10.2011, 19:32:32]
Karl-Georg Vaith 
Hypothermie verfahren bei Apoplex Patienten
Diesen Artikel kann ich nur bestätigen.
Ein versierter Neurochirurg hat mir durch eine komplizierte OP einen zweiten Geburtstag eingeräumt.
Ohne Kältetherapie würde ich nach einem Schlaganfall der zu spät erkannt wurde nicht mehr leben.  zum Beitrag »

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