Ärzte Zeitung online, 07.06.2012

Vorhofflimmern: Frauen droht häufiger ein Schlaganfall

Bei älteren Frauen mit Vorhofflimmern ist die Gefahr eines Schlaganfalls etwas höher als bei Männern, belegen Ergebnisse einer neuen Studie. Die Autoren empfehlen, den Faktor "weibliches Geschlecht" bei der Entscheidung zur Antikoagulation mit zu berücksichtigen.

Vorhofflimmern: Frauen droht häufiger ein Schlaganfall

Schlaganfall: Bei Vorhofflimmern sind Frauen häufiger betroffen.

© C. Pueschner/ZEITENSPIEGEL

STOCKHOLM (ob). Bis vor kurzen ist der CHADS2-Score zur Klassifizierung des Schlaganfallrisikos bei Vorhofflimmern genutzt worden.

Mit der 2010 vorgenommenen Aktualisierung ihrer Leitlinien hat die Europäische Gesellschaft für Kardiologie den komplexeren CHA2DS2-VASc-Score eingeführt.

Er soll vor allem im Niedrigrisikobereich eine feiner abgestufte Risikoabschätzung ermöglichen. In diesem Score-System ist erstmals auch der mit einem Punkt zu bewertende Risikofaktor "weibliches Geschlecht" aufgelistet.

Bei einem CHA2DS2-VASc-Score von 2 oder höher wird generell die Antikoagulation empfohlen. Die Gerinnungshemmung ist gemäß Leitlinie aber auch schon bei einem Score von 1 "in Betracht zu ziehen".

Antikoagulation nur aufgrund des Geschlechts?

Das würde bedeuten: Allein die Tatsache, dass Vorhofflimmern bei einer Frau auftritt, wäre ein hinreichender Grund, um selbst bei jüngeren Patientinnen im Alter unter 65 Jahren und ohne weitere Risikofaktoren eine Antikoagulation zu verordnen.

Eine ausschließlich durch das Geschlecht begründete Antikoagulation geht jedoch vielen zu weit. In der Tat ist die Datenbasis für eine solche Empfehlung nicht sehr solide.

Aus diesem Grund hat etwa das britische National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) den Faktor "weibliches Geschlecht" in sein System der Risikoabschätzung nicht aufgenommen.

Eine Gruppe von Forschern aus Stockholm und Birmingham hat sich deshalb in einer großen Register-Studie genauer mit dem Schlaganfallrisiko von Frauen mit Vorhofflimmern befasst (BMJ 2012; online 31 Mai).

Dazu nutzte sie ein großes nationales Register, in dem die Entlassungsdaten aller in schwedischen Kliniken behandelten Patienten gespeichert sind.

Anhand der zwischen 2005 und 2008 erfassten Daten konnte die gesundheitliche Entwicklung bei 100.802 Patienten mit Vorhofflimmern, die keine Antikoagulation erhalten hatten, über eine mediane Dauer von 1,2 Jahren nachverfolgt werden.

Bei Frauen um 18 Prozent höheres Schlaganfallrisiko

In dieser Zeit kam es bei 7221 Patienten zu thromboembolischen bedingten Schlaganfällen. Die jährliche Rate an Schlaganfällen war bei Frauen höher als bei Männern (6,2 versus 4,2 Prozent), und zwar relativ um 47 Prozent.

Allerdings spiegeln sich in diesem Unterschied auch Unterschiede in Basisvariablen zwischen Frauen und Männern wider: So waren Frauen unter anderem im Schnitt deutlich älter als Männer, auch hatten sie häufiger Bluthochdruck.

Doch auch nach einer Adjustierung für 35 weitere potenzielle Einflussfaktoren blieb das Schlaganfallrisiko bei Frauen erhöht, allerdings nur noch um 18 Prozent.

In der Subgruppe der jüngeren Frauen im Alter unter 65 Jahre ohne weitere Risikofaktoren ("lone atrial fibrillation") war die Schlaganfallrate sowohl bei Frauen als auch Männer sehr niedrig und nicht signifikant unterschiedlich (0,7 versus 0,5 Prozent pro Jahr). Deshalb sehen die Studienautoren hier keine Notwendigkeit für eine Antikoagulation.

Frauen erhielten seltener eine Antikoagulation

Kritisch ist die Tatsache zu vermerken, dass insgesamt weniger Frauen als Männer eine Antikoagulation mit Vitamin-K-Antagonisten erhalten hatten (36 versus 44 Prozent).

Die höhere Schwelle zur Antikoagulation bei Frauen könnte in der für die Studie relevanten Population der nicht antikoagulierten Patienten eine "Verzerrung" (selection bias) zur Folge gehabt haben.

Denn dadurch könnte unter den Frauen der Anteil der Personen mit erhöhtem Schlaganfallrisiko angestiegen und so der Unterschied zwischen den Geschlechtern überbetont worden sein.

Fazit der Studienautoren: Die Daten bestätigen ein moderat erhöhtes Schlaganfallrisiko bei Frauen mit Vorhofflimmern im Vergleich zu Männern. Deshalb sollte "weibliches Geschlecht" als Faktor grundsätzlich mit in die Risikobewertung und die daraus abgeleitete Entscheidung zur Antikoagulation eingehen.

Ist allerdings "weibliches Geschlecht" der einzige Risikofaktor, bestehe keine Notwendigkeit für eine Antikoagulation - vorausgesetzt, die Patientin ist jünger als 65 Jahre.

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