Ärzte Zeitung, 21.10.2015

Arbeiten unter Druck

Wer sich stressen lässt, riskiert einen Schlaganfall

Dass Stress im Job schlecht für's Herz ist, ist bekannt. Doch auch das Schlaganfall-Risiko schnellt rasant in die Höhe. Experten fordern jetzt: Ärzte müssen ihre Patienten besser darüber aufklären.

Von Elke Oberhofer

Wer sich stressen lässt, riskiert einen Schlaganfall

Stress im Beruf erhöht vor allem bei Frauen das Schlaganfall-Risiko.

© Picture-Factory / Fotolia

GUANZHOU. Dass ein stressiger Job das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, vor allem Hochdruck, KHK und Herzinfarkt in die Höhe treibt, ist durch epidemiologische Studien recht gut belegt.

Für den Schlaganfall per se ist die Studienlage jedoch wenig konsistent. Yuli Huang von der Southern Medical University in Guangzhou und Kollegen haben daher alle verfügbaren prospektiven Kohortenstudien zum Thema Stress und Insult zusammengetragen und daraus sechs ausgewählt, in denen die Teilnehmer in Stresskategorien eingeteilt und über mindestens zwei Jahre nachbeobachtet worden waren (Neurology 2015, online 14. Oktober).

Demand-Control-Modell als Basis

Nach Auswertung der Daten von 138.782 Teilnehmern konnten die Forscher Folgendes feststellen: Wer im Beruf viel psychischen Stress erlebte (high strain), hatte ein um 22 Prozent höheres Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, als jemand, der es im Job lockerer angehen ließ (low strain). Der Beobachtungszeitraum betrug in den verschiedenen Studien zwischen 3,4 und 16,7 Jahre.

Als Grundlage für die Beurteilung des Stress-Niveaus diente das sogenannte Demand-Control-Modell (DCM). Dieses kombiniert zwei Skalen: Auf der einen werden die Anforderungen abgetragen, die der Job an den Mitarbeiter stellt, etwa Zeitdruck, geistige Beanspruchung und koordinative Aufgaben; es wird sozusagen beurteilt, "wie hart man arbeitet".

Auf der anderen Achse geht es darum, inwieweit der Mitarbeiter seine Tätigkeit selbst gestalten und eigenständig Entscheidungen treffen kann, also über welches Maß an Kontrolle über seinen Job er verfügt. Daraus ergeben sich vier Kategorien:

  • Passive Jobs (geringe Anforderungen, geringes Maß an Kontrolle)
  • Stressarme Jobs (geringe Anforderungen, hohes Maß an Kontrolle)
  • Stressreiche Jobs (hohe Anforderungen, geringes Maß an Kontrolle)
  • Aktive Jobs (hohe Anforderungen, hohes Maß an Kontrolle)

Alle Studienteilnehmer wurden jeweils einer dieser Kategorien zugeordnet. Stressreiche Tätigkeiten waren mit einer gegenüber stressarmen Jobs signifikanten Risikoerhöhung für einen Schlaganfall verknüpft (RR 1,22), während sich bei aktiven und auch bei passiven Jobs keine deutliche Assoziation ergab.

Der Anteil der Schlaganfallereignisse, die sich mit einem hohen Stressniveau im Job in Verbindung bringen ließen, lag bei 4,4 Prozent (population attributable risk, PAR).

In einer separaten Geschlechteranalyse war das Schlaganfallrisiko in einem stressigen Job allerdings nur für Frauen signifikant, nämlich um relative 33 Prozent gegenüber stressarmer Tätigkeit erhöht. Das PAR lag hier bei 6,5 Prozent.

Bei Männern betrug der relative Risikoanstieg 26 Prozent und war damit nicht signifikant. Dies könnte an der begrenzten Zahl der Studien liegen, die mit Männern durchgeführt wurde, mutmaßen Huang und Kollegen.

Mechanismen noch ungeklärt

Nur drei Studien mit 12.323 Männern hatten die Forscher für diese Analyse herangezogen; sie waren außerdem vom Design und von den Teilnehmern her recht inhomogen.

Unterschiede ergaben sich auch beim Schlaganfalltyp: So hing Arbeitsstress zwar deutlich mit einem Risikoanstieg für den ischämischen Insult zusammen (RR 1,58; PAR 9,5 Prozent); dies galt aber nicht für den hämorrhagischen Schlaganfall.

Welche Mechanismen bei dem erhöhten Schlaganfallrisiko eine Rolle spielen, bleibt vorerst ungeklärt. Wie die Studienautoren betonen, wird Stress im Job oft mit einem ungesunden Lebensstil in Zusammenhang gebracht.

Möglicherweise liegt die Ursache für das erhöhte Risiko also darin, dass die Betroffenen zu viel rauchen, sich zu wenig bewegen und sich schlecht ernähren.

Auch ein metabolisches Syndrom, Übergewicht sowie ein gestörter Blutzucker- und Fettstoffwechsel werden ins Feld geführt. Und schließlich führt Stress auch zu einer verstärkten Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse und des sympathischen Nervensystems.

Diese stehen nach Huang und Kollegen mit verschiedenen Schadmechanismen in Verbindung, die ebenfalls zum Schlaganfall passen: Destabilisierung atherosklerotischer Plaques, beschleunigte Zellalterung, verstärkte Ausschüttung von Kortisol und Störungen in der Hämodynamik .

Patientenberatung in puncto Job

Weitere Studien müssen diese möglichen Zusammenhänge klären. Inzwischen halten Experten es für sinnvoll, den Job verstärkt zum Thema in der Patientenberatung zu machen: Studienkommentatorin Jennifer J. Majersik von der Universität Utah will die oft gestellte Frage von Patienten, ob Stress in der Arbeit zum Schlaganfall geführt habe, künftig mit "vielleicht" beantworten.

In der Studie seien bedauerlicherweise vaskuläre Risikofaktoren nicht berücksichtigt worden, ebenso wenig Stoffwechselparameter oder Entzündungszeichen. Stress sei jedoch ein potenziell modifizierbarer Risikofaktor.

Mit den Patienten über deren Job und die dort herrschenden Strukturen zu sprechen, hält die Neurologin für wichtig; schließlich müsse es Mittel und Wege geben, Arbeitsstress zu reduzieren, ohne seinen Job zu verlieren.

Eine kognitive Verhaltenstherapie gehört nach Ansicht der Studienautoren dazu, ebenso wie Entspannungstechniken und multimodale Interventionen.

[21.10.2015, 12:15:52]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Eher dürftige Ergebnisse?
Was sind das für müde Schlussfolgerungen auf der Meta-Ebene von Meta-Analysen?
Der Titel: "Association between job strain and risk of incident stroke - A meta-analysis" von Y. Huang beschreibt keine Kausalität, sondern eine Assoziation. Und schweigt sich darüber aus, ob es nicht nur eine zufällige Koinzidenz sein könnte.

Erstaunlich bleibt, warum der Zusammenhang zwischen Stress und Schlaganfall nicht bei Männern, sondern nur bei Frauen signifikant positiv ist. Warum aber ausgerechnet interventionelle Studien zur Reduzierung von Arbeits-Stress und damit Verringerung von Schlaganfall-Risiken gefordert werden, entspricht eher unlogisch-chaotischem Denken: Wo bleiben dann persönlich-biografische, bio-psycho-soziale Einfluss- und Stellgrößen im Privaten?
["Conclusions: Exposure to high strain jobs was associated with an increased risk of stroke, especially in women. Further studies are needed to confirm whether interventions to reduce work stress decrease the risk of stroke."]

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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