Ärzte Zeitung, 17.02.2016

Lyse nach Schlaganfall

Auch 90-Jährige profitieren noch

Hilft die Lyse nach dem Schlaganfall auch Hochbetagten? Ja, zeigt nun eine Studie - doch wie sinnvoll das wirklich ist, muss im Einzelfall entschieden werden.

Von Thomas Müller

Auch 90-Jährige profitieren noch

Die Effektstärken der Lyse sind bei hochbetagten Schlaganfall-Patienten tendenziell sogar noch größer als bei jüngeren Patienten.

© psdesign / fotolia.com

BERLIN. Je höher das Alter bei einem Schlaganfall, umso schlechter sind die Chancen, den Insult überhaupt zu überleben und die Klinik in einem guten körperlichen Zustand zu verlassen. Weniger selbstverständlich ist jedoch, dass eine intensive Schlaganfalltherapie auch bei Hochbetagten noch hervorragend funktioniert. Die Effektstärken sind tendenziell sogar noch größer als bei jüngeren Patienten. Darauf hat Professor Gerhard Hamann vom Bezirkskrankenhaus in Günzburg hingewiesen.

Der Neurologe erläuterte dies auf der Arbeitstagung Neurologische Intensivmedizin (ANIM) in Berlin anhand einer Reihe aktueller Studien. So sterben nach einer Analyse von über einer halben Million Schlaganfällen im US-amerikanischen Get-with-the-Guidelines-Programm rund drei Prozent der Patienten im Alter von weniger als 50 Jahren in der Klinik. Bei den 70- bis 79-Jährigen sind es etwas mehr als fünf Prozent und bei den über 90-Jährigen sind es bereits mehr als zehn Prozent.

Effekt der Lyse nicht geschwächt

Nur 20 Prozent der Hochbetagten kommen nach dem Schlaganfall wieder ins häusliche Umfeld, die übrigen, sofern sie überleben, benötigen professionelle Pflege. Bei den unter 50-Jährigen können zwei Drittel nach dem Klinikaufenthalt wieder nach Hause, bei den 60- bis 70-Jährigen sind es noch 56 Prozent. Das liegt auch daran, dass über die Hälfte der hochbetagten Patienten schon vor dem Schlaganfall gravierende körperliche Einschränkungen und einen mRS-Wert von 2 oder mehr hatte.

In eine ähnliche Richtung weist eine andere Untersuchung, bei der es während des schlaganfallbedingten Klinikaufenthalts bei 47 Prozent der über 85-Jährigen zu Komplikationen kam, bei den 65- bis 84-Jährigen lag der Anteil bei 27 Prozent.

Allerdings ist das Ergebnis bei sehr alten Menschen noch weitaus dramatischer, wenn sie keine optimale Therapie bekommen. So erreichten in einer anderen Studie nur 21 Prozent der Patienten im Alter von über 80 Jahren ohne Lyse einen mRS-Wert von 0-2, mit Lyse waren es 33 Prozent - ein relativer Unterschied von über 60 Prozent. Bei den unter 80-Jährigen blieben 44 Prozent ohne und 56 Prozent mit Lyse ohne größere funktionelle Einschränkungen, der relative Unterschied liegt hier nur bei 27 Prozent. "Das sind sehr beruhigende Daten, ein zunehmendes Alter schwächt den Effekt einer Lyse nicht entscheidend ab", sagte Hamann.

Thrombektomie mit über 90?

Daten aus Deutschland scheinen die gute intensivmedizinische Versorgung sehr alter Patienten zu bestätigen. Der Neurologe präsentierte eine Auswertung von 123 Lysen in der eigenen Klinik, 44 der Betroffenen waren über 80 Jahre alt. Die Zeit von der Klinikaufnahme bis zur Lyse unterschied sich bei den über 80-Jährigen kaum von der der jüngeren Patienten (34 versus 30 Minuten). Allerdings traten etwa die Hälfte aller Todesfälle und Blutungskomplikationen bei sehr alten Patienten auf.

Insgesamt scheinen die bisherigen Daten eine "never give up"-Devise auch bei sehr betagten Schlaganfallpatienten zu bestätigen, so Hamann, aber mit dem Preis einer insgesamt recht hohen Mortalität und Morbidität. Die Frage, ob man wirklich niemals aufgeben dürfe, müsse daher im Einzelfall - mit Patienten und Angehörigen - entschieden werden.

Der Neurologe nannte als Beispiel eine 78-jährige demenzkranke, stark pflegebedürftige Frau, die ihre Angehörigen nicht mehr erkannte, aber gerade noch eigenständig essen und mit dem Rollator über die Station gehen konnte. Als ein M1-Verschluss auftrat, wünschten sich die Angehörigen eine maximale Therapie, um das selbstständige Essen und die Gehfähigkeit zu erhalten. Mit einem Stentretriever konnten die Ärzte das Gefäß wieder öffnen und die Frau im selben Zustand wie zuvor ins Heim entlassen.

Solche Fälle machen mich nachdenklich", sagte Hamann. Es sei daher wichtig, sich rechtzeitig damit zu beschäftigen, ob man mit über 90 Jahren im Falle eines Schlaganfalls selbst noch eine Thrombektomie mit anschließendem Karotisstent wünscht. Eine Patientenverfügung könne dann sehr hilfreich sein.

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