Ärzte Zeitung online, 28.11.2016

Dicke Luft

Viel Feinstaub – mehr Schlaganfälle

Vor allem lungengängiger Staub scheint ischämische Schlaganfälle zu begünstigen. Wie hoch das Risiko ist, haben Forscher jetzt berechnet.

Von Thomas Müller

Viel Feinstaub – mehr Schlaganfälle

In Megametropolen kann die Feinstaubbelastung über 1000 µg/m3 erreichen.

© Jean-Paul Bounine / fotolia.com

FUKUOKA. Inzwischen sprechen viele Studien eine klare Sprache: An Tagen mit hoher Feinstaubbelastung ist das Schlaganfallrisiko deutlich erhöht. Um wie viel, wird jedoch ebenso diskutiert wie der Einfluss der Partikelgröße. So gilt vor allem der lungengängige Feinstaub mit einer Größe unter 2,5 Mikrometer (PM2,5) als riskant.

Der Grenzwert – allerdings für das Jahresmittel – darf in Deutschland nicht über 25 μg/m3 liegen. An einzelnen Tagen kann die Belastung in deutschen Großstädten durchaus Werte von 100 μg/m3 erreichen, in asiatischen Megametropolen auch über 1000 μg/m3. Nach Daten einer japanischen Untersuchung können solche Werte das Schlaganfallrisiko deutlich steigern.

Luftdaten mit Schlaganfallinzidenz verglichen

Forscher um Dr. Ryu Matsuo von der Universität in Fukuoka haben sich Wetter und Luftbelastung zum Zeitpunkt von knapp 7000 Schlaganfällen in Fukuoka genauer angeschaut (Stroke 2016; online 3. November 2016). Die Stadt hat etwa 1,5 Millionen Einwohner, im Mittel betrug der Feinstaubgesamtwert bei den Schlaganfällen knapp 30 μg/m3, der für PM2,5 lag bei 20 μg/m3.

Die Wissenschaftler berechneten nun in einer Fall-Crossover-Analyse das Schlaganfallrisiko bezogen auf die Gesamtfeinstaubbelastung und die von lungengängigem PM2,5. Zudem kalkulierten sie Verzögerungszeiten, also wie lange nach einem Spitzenwert das erhöhte Schlaganfallrisiko andauert.

Im Wesentlichen konnten sie dabei frühere Resultate bestätigen: So lässt sich bei erhöhten Feinstaubwerten innerhalb von einem Tag – aber nicht länger – auch ein erhöhtes Risiko für einen ischämischen Schlaganfall berechnen: Werden andere Luftschadstoffe wie Ozon, Stickoxide und Schwefeldioxid berücksichtigt, dann steigt pro 10 μg/m3 Gesamtfeinstaub das Schlaganfallrisiko um 2 Prozent sowie pro 10 μg/m3 PM2,5 um 3 Prozent.

Ein Großteil des Risikos lässt sich damit wohl auf den lungengängigen Feinstaub zurückführen.

Risiko um 300 Prozent erhöht?

An einem Tag mit sehr dicker Luft müsste es in deutschen Städten danach etwa 30 Prozent mehr Schlaganfälle geben, in chinesischen Metropolen sogar bis zu 300 Prozent mehr als bei reiner Luft. Allerdings darf bezweifelt werden, dass sich diese Werte einfach linear hochrechnen lassen.

In einer vergangenes Jahr publizierten Analyse von 94 Studien zu Luftschadstoffen kamen Wissenschaftler um Anoop Shah von der Universität in Edinburgh nur auf eine Risikoerhöhung von 1,1 Prozent pro 10 μg/m3 PM2,5. Nach dieser Analyse wäre der Effekt von lungengängigem Feinstaub also dreifach geringer einzuschätzen.

Auf der anderen Seite fanden US-Forscher vor vier Jahren in einer ähnlichen Studie wie in Fukuoka ein 17 Prozent erhöhtes Schlaganfallrisiko pro 10 μg/m3 PM2,5.

Die Diskussion wird also noch weitergehen.

[28.11.2016, 15:50:33]
Thomas Georg Schätzler 
Von der staubig schmutzigen “Cannery Row” (Straße der Ölsardinen) ...
John Steinbecks zur “Coronary Road” bzw. “Stroke-Road”!

Denn nicht nur akute Koronarsyndrome (ACS), sondern auch manche Schlaganfälle sind durchaus Smog- und Feinstaub-bedingt. Eine aktuelle Studie im Fachmagazin “Stroke” mit dem Titel “Long-Term Exposure to Fine Particulate Matter, Residential Proximity to Major Roads and Measures of Brain Structure” von E. H. Wilker et al. - doi: 10.1161/STROKEAHA.114.008348; 2015 - wird ergänzt durch eine Metaanalyse über Kurzzeit-Effekte: “Short term exposure to air pollution and stroke: systematic review and meta-analysis” von Anoop Shah (Universität Edinburgh/GB) im British Medical Journal - BMJ 2015; 350: h1295 - bei Feinstaub-Exposition, Schlaganfall-Häufung und Smog-Alarm.

Eine ältere Publikation im BMJ von 2011 (doi:10.1136/bmj.d5531) zu ACS- und Myokard-I n f a r k t-Häufung unter dem Einfluss von Luftverschmutzung: “The effects of hourly differences in air pollution on the risk of myocardial infarction: case crossover analysis of the MINAP database” von K Bhaskaran et al. sollte belegen, dass hochgradige Umweltbelastungen mit erhöhter myokardialer Morbidität korrelieren. Die spezifische Erhöhung des Myokardinfarktrisikos ist in vereinzelten Studien als K u r z - Z e i t-Effekt wenige Stunden nach Atemluftbelastung nachgewiesen worden. Im BMJ wurde der Einfluss der als Feinstaub PM10 (‘pollution model’) bezeichneten Staub-Fraktion (50% der Teilchen mit einem Durchmesser von 10 µm) u n d Stickstoffdioxyd NO2 auf die Ereignisrate in 15 Regionen Groß-Britanniens bei STEMI-, Non-STEMI-Herzinfarkten und Troponin-positivem akutem Koronarsyndrom (ACS) in den Krankenhausberichten untersucht. Dabei waren Ozon- und Kohlenmonoxid- (CO) Luftbelastungen überraschenderweise eher kardioprotektiv wirksam bzw. Schwefeldioxid (SO2) ohne messbare Auswirkung.
Das Risiko eines Herzinfarktes war allerdings nur bis zu 6 Stunden nach Exposition mit höherer verkehrsbedingter Luftverschmutzung von PM10 und NO2 erhöht (“Myocardial infarction risk was transiently increased up to 6 hours after exposure to higher levels of the traffic associated pollutants PM10 and NO2?). Keine der Luft verschmutzenden Substanzen zeigte einen Langzeiteffekt bis zu 72 Stunden danach mit weiterer Erhöhung des Myokardinfarktrisikos. Einschränkend diskutierten die BMJ-Autoren, dass der etablierte Effekt von Luftverschmutzung auf die allgemeine kardiorespiratorische Morbidität und Mortalität nicht nur speziell auf den Herzinfarkt übertragen werden könnte. Es müsse noch weitere, unerforschte Mechanismen geben.

In einer weiteren Studie in “Circulation” wurden L a n g z e i t-Effekte von Luftverschmutzung auf die erhöhte Mortalität nach stattgehabtem Myokardinfarkt in Abhängigkeit von der Nähe des Wohnortes zu vielbefahrenen und auch lauten Hauptverkehrsstraßen untersucht: “Residential Proximity to Major Roadway and 10-Year All-Cause Mortality After Myocardial Infarction” von J. I. Rosenbloom et al. Diese Circulation-Studie kann Erkenntnislücken natürlich nicht vollständig schließen, beschreibt aber zusätzlich nachweislich die erhöhte Mortalität bei stattgehabtem Myokardinfarkt in Abhängigkeit von der Nähe des Wohnortes zu vielbefahrenen und auch lauten Hauptverkehrsstraßen. Circulation. 2012; 125: 2197-2203 Published online before print May 7, 2012,
doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.111.085811 - http://circ.ahajournals.org/content/125/18/2197.abstract

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Selbstlernende Software erkennt Psychosegefahr

PCs denken anstatt nur zu berechnen: Big Data wird vielleicht schon bald die Psychiatrie umkrempeln. Selbstlernende Algorithmen erkennen das Psychoserisiko durch MRT-Aufnahmen, simple Apps warnen Patienten, wenn sie in eine Manie kippen. mehr »

Selbstlernende Software erkennt Psychosegefahr

PCs denken anstatt nur zu berechnen: Big Data wird vielleicht schon bald die Psychiatrie umkrempeln. Selbstlernende Algorithmen erkennen das Psychoserisiko durch MRT-Aufnahmen, simple Apps warnen Patienten, wenn sie in eine Manie kippen. mehr »

"Urteil ist verheerendes Signal"

Medi-Chef Baumgärtner ist enttäuscht vom Urteil des Bundessozialgerichts, das Vertragsärzten kein Streikrecht zubilligt. Den Kasseler Richtern attestiert er Mutlosigkeit – nun will er nach Karlsruhe ziehen. mehr »