Thrombose/Schlaganfall

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Ärzte Zeitung online, 11.05.2017

US-Klinikdaten

Immer mehr Schlaganfälle bei unter 55-Jährigen

Mehr Diagnosen oder wirklich mehr Schlaganfälle? In den USA hat die Inzidenz von Schlaganfall bei unter 55-Jährigen in zehn Jahren um 20 bis 40 Prozent zugenommen. Gründe könnten aber auch finanzielle Anreize in Kliniken und verstärkter MRT-Gebrauch sein.

Von Thomas Müller

Immer mehr Schlaganfälle bei jungen US-Amerikanern?

Apoplex: Immer mehr Diagnosen in den USA.

© chombosan / fotolia.com

Immer wieder berichten Forscher über eine deutliche Zunahme von ischämischen Insulten bei jüngeren Patienten. Nach Daten einer US-Registerstudie hat sich die Inzidenz bei unter 40-Jährigen seit den 1990er Jahren mehr als verdoppelt (wir berichteten). Nun legen Wissenschaftler um Dr. Mary George von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta nach: Seit 2003 ist die Schlaganfallinzidenz in den USA fast in allen Altersgruppen unter 65 Jahren deutlich gestiegen (JAMA Neuro 2017; online 10. April). Zugleich nahm der Anteil von jüngeren US-Bürgern mit Schlaganfallrisikofaktoren drastisch zu. Allerdings bestehen große Zweifel, ob sich die Inzidenz tatsächlich erhöht hat. Eine verbesserte Diagnostik per MRT macht vielleicht aus so mancher TIA einen ischämischen Insult. Zudem könnten auch Risikofaktoren besser diagnostiziert und kodiert werden als noch zu Beginn der 2000er Jahre.

Teils über 40 Prozent Zunahme bei Männern

Für ihre Analyse haben die CDC-Forscher um George administrative Daten über einen Verbund repräsentativ ausgewählter Kliniken aus fast allen Bundesstaaten ausgewertet. Sie berücksichtigten dabei primär ICD-Codes aus den Jahren 2003 und 2012. Anschließend rechneten sie das Ergebnis auf die US-Bevölkerung hoch.

Aktuelles Video zu Schlaganfallsymptomen

Erstellt hat das Video der Cartoonist und Filmemacher Ralph Ruthe für das Evangelische Klinikum Bethel unter der Schirmherrschaft der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft.

Das Video ist zu sehen auf Youtube. Hier klicken.

Wie sich zeigte, hatten 2012 etwa 38.000 mehr US-Amerikaner unter 65 Jahren einen Schlaganfall erlitten als noch neun Jahre zuvor. Bei den unter 55-Jährigen hatte die Zahl um rund 25.000 zugenommen. Etwa die Hälfte davon lässt sich auf das zehnprozentige Bevölkerungswachstum in diesem Zeitraum zurückführen, dennoch ist die Inzidenz je nach Altersgruppe um bis zu 40 Prozent gestiegen. Am stärksten nahm die Zahl der schlaganfallbedingten Klinikeinweisungen unter den 35- bis 44-Jährigen zu: Bei Männern von 48 auf 68 pro 10.000 Einweisungen, bei Frauen von 25 auf 36. Relativ war die Inzidenz damit bei den Männern um knapp 42 Prozent und bei den Frauen um 30 Prozent gestiegen.

Dagegen gab es in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen mit einem Zuwachs von 0,8 Prozent keinen signifikanten Anstieg der Inzidenz von ischämischen Schlaganfällen. Es waren also letztlich die unter 55-Jährigen, die mit einer zunehmenden Schlaganfallrate auffielen. Für subarachnoidale und intrazerebrale Blutungen ließ sich hingegen in keiner Altersgruppe eine steigende Inzidenz nachweisen, bei Männern ging sie sogar leicht zurück. Wenig überraschend stellten die Forscher um George auch eine Zunahme von Schlaganfall-Risikofaktoren bei jüngeren Patienten fest, vor allem bei den unter 35-Jährigen. Hier stieg etwa der Anteil der Hypertoniker unter den hospitalisierten Männern von 34 auf 41 Prozent, unter Frauen von 26 auf 31 Prozent. Bei den Männern dieser Altersgruppe verdoppelte sich zudem der Anteil derer mit erhöhten LDL-Werten (von 15 auf 29 Prozent) und mit Adipositas (von 7 auf 13 Prozent). Eine Verdopplung der Adipositasrate war auch bei Frauen dieser Altersgruppe sowie bei Frauen und Männern im Alter von 35 bis 44 Jahren zu beobachten. In fast allen Altersgruppen verdoppelte sich zudem der Anteil von Patienten mit drei bis fünf Schlaganfall-Risikofaktoren.

Häufiger Diagnose per MRT

Auf den ersten Blick ergibt sich also ein rundes Bild: US-Amerikaner werden in jungen Jahren immer dicker, erkranken häufiger an Hypertonie und akkumulieren zunehmend weitere Risikofaktoren. Damit lässt sich die erhöhte Schlaganfall-Inzidenz logisch erklären.

In einem Editorial zu der Arbeit äußert der Neurologe Dr. James Burke von der Universität in Ann Arbor aber deutliche Zweifel. So ist erstaunlich, dass die Inzidenz von Hirnblutungen konstant bis rückläufig ist, obwohl auch hier entsprechende Risikofaktoren zumindest bei den hospitalisierten Patienten immer häufiger anzutreffen sind. Burke gibt zu bedenken, dass bei ischämischen Insulten eher die Zahl der Diagnosen, und weniger die der Ereignisse zugenommen haben könnte. So würde manchen Patienten, denen man 2003 eine TIA bescheinigt habe, heute dank verbreiteter MRT-Untersuchung ein Infarkt attestiert. Tatsächlich ist die TIA-Inzidenz nach Daten anderer Untersuchungen in den vergangenen Jahren gesunken, was für einen Shift bei den Diagnosen spricht. Auch zuvor unerkannte kleinere Schlaganfälle würden heute mit dem MRT erfasst.

Zuguterletzt steige in den Kliniken der finanzielle Druck, einen Schlaganfall statt einer TIA zu diagnostizieren, da sich damit mehr Geld verdienen lasse. All das könnte die Zahl der Diagnosen erheblich nach oben getrieben haben.

Dagegen werde eine Hirnblutung schon lange per CT diagnostiziert, hier habe es in der vergangenen Dekade kaum Änderungen gegeben.

Finanzielle Anreize und eine verbesserte Diagnostik könnten auch die erhöhte Prävalenz von Schlaganfall-Risikofaktoren unter hospitalisierten Patienten erklären. Letztlich seien die bisherigen administrativen Daten wenig geeignet, solche Trends zu untersuchen, schreibt Burke, und bedauert zugleich, dass es dem US-Gesundheitssystem offenbar nicht gelinge zu klären, ob der Grund für eine der häufigsten Todesursachen nun zunimmt oder nicht.

Noch dünner ist die Datenlage für Deutschland: Nach der "Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1)" ist die Schlaganfall-Inzidenz bei den unter 80-Jährigen seit 1998 weitgehend konstant geblieben. Die Daten wurden allerdings nur anhand einer kleinen Stichprobe erhoben. Der Anteil der unter 50-Jährigen wird auf fünf bis maximal acht Prozent geschätzt.

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