Ärzte Zeitung, 30.11.2016

Ulcus cruris

Wundmanagement statt nur Versorgung

Bei der Versorgung von Patienten mit Ulcus cruris venosum sind noch nicht alle Chancen genutzt. Zwar werden Wundauflagen und Kompressionstherapie verordnet, doch werden diese Maßnahmen häufig nicht aufeinander abgestimmt, so ein Experte.

Von Katharina Grzegorek

Wundmanagement statt nur Versorgung

Der Leidensweg von Patienten mit Ulcus cruris venosum ist oft lang.

© Dr. Ausbüttel & Co. GmbH

NEU-ISENBURG. Patienten mit Ulcus cruris venosum durchlaufen oft einen langen Leidensweg. Aus dem Heil- und Hilfsmittelreport 2014 der BARMER GEK geht hervor, dass bei 65 Prozent der Ulkus-Patienten eine Heilung innerhalb von drei Monaten erreicht werden konnte, "bei 35 Prozent allerdings wurden wundrelevante Auflagen länger als drei Monate verordnet", berichtet Professor Knut Kröger von der Klinik für Gefäßmedizin, HELIOS Klinik Krefeld (MMW 2016; 158: 51-53).

Es gebe auch Patienten, die über drei Jahre hinweg kontinuierlich wundrelevante Versorgung erhielten. "Diese Zahlen lassen auf Defizite in der Versorgung von Patienten mit einem Ulcus cruris venosum in Deutschland schließen", so der Angiologe.

Kompression vernachlässigt?

Aus dem Report geht außerdem hervor, dass nur 16 Prozent der Versicherten mit neu aufgetretenem Ulcus cruris venosum während der floriden Wundphase eine Kompressionstherapie verordnet wurde.

Dabei sei die adäquate Kompressionstherapie "die Grundlage einer erfolgreichen Behandlung", betont Kröger. Die Abheilung könne dadurch beschleunigt und die Rezidivrate reduziert werden.

Dass die Kombination von Kompression und Wundversorgung nötig sei, bestätigten auch Studienergebnisse aus Hongkong. In der randomisiert kontrollierten Studie wurden zwei kurzzügige Mehrlagensysteme plus moderne Wundversorgung mit moderner Wundversorgung allein verglichen (J Eur Acad Dermatol Venereol 2012;26:102).

Kompressionstherapie sollte sich an der jeweiligen Wundsituation orientieren

Die Heilungsraten nach 24 Wochen betrugen 72 vs. 67,3 und 29 Prozent und waren damit in den Gruppen, die Kompression erhielten, mehr als doppelt so hoch.

Beim Ulcus cruris venosum ist es wichtig dass sich die Kompressionstherapie an der jeweiligen Wundsituation orientiert. Kröger unterscheidet die Therapiephase (Entstauungs-, Übergangsphase) mit Diagnostik der chronisch venösen Insuffizienz, Ödemreduktion und Ulkusbehandlung, von der Erhaltungsphase mit Ödemprävention und Ulkusheilung.

In der Therapiephase müssen Kompressionsverbände häufiger angelegt werden als in der Erhaltungsphase. Bei ausgeprägten Ödemen und zügiger Stauung kann der Verband rutschen und muss im Einzelfall auch zweimal täglich erneuert werden, merkt Kröger an. Mit Mehrkomponentensysteme lasse sich dieses Problem vermeiden.

Eine Übergangslösung sind Mehrkomponenten- und Ulkus-Strumpfsysteme

In der Erhaltungsphase sollte das Ödem beseitigt sein. Nun kann das Gewebe dem Verband weniger nachgeben und die Druckwirkung im Gewebe und an den Knochenkanten, etwa an Tibia und oberem Sprunggelenk, ist größer. Die Kompression sollte jetzt nur so stark sein, dass sich kein erneutes Ödem entwickeln kann.

Als Übergangslösung für Patienten mit floridem Ulkus und geringem Ödem empfiehlt Kröger Mehrkomponenten- und Ulkus-Strumpfsysteme, bestehend aus einem Unterziehstrumpf, der den Wundverband fixiert, und einem klassischen Kompressionsstrumpf, der Druck aufbringt.

Sie haben den Vorteil, dass die Kompression nicht mit der Erfahrung des betreuenden Arztes oder der Pflegekraft schwankt.

Arzt als Teil des Wundteams

Bei der lokalen Therapie der chronischen Wunde habe sich der phasenadaptierte Einsatz der modernen/hydroaktiven Wundversorgung in einer Metaanalyse von 170 Studien bestätigt (Dermatology 2013; 226:172–84). Die Abheilungschance sei mit feuchten Wundauflagen im Schnitt 52 Prozent besser als mit konventionellen Verbandsmitteln.

Dennoch werden laut dem Heil- und Hilfsmittelreport jedem fünften Patienten (19 Prozent) nur trockene Wundauflagen verordnet. Außerdem sei nicht klar, ob die hydroaktiven Wundauflagen auch indikations- und phasengerecht verordnet und angewandt wurden, so Kröger.

Insgesamt brauche ein Arzt nur wenige Wundauflagen, mit denen er sich aber auskennen sollte "Er sollte wissen, in welcher Größe es sie gibt, ob mit oder ohne Kleberand, und ob man sie zeitweise auch kombiniert anwenden kann".

Der Arzt muss Teil des Wundteams werden, fordert Kröger. Nur im multi- oder interdisziplinärem Team können die für die Wundheilung notwendigen Schritte koordiniert werden. "Die Verordnung von Wundauflagen, Kompressionsstrümpfen und -verbänden muss als Teil eines gemeinsamen Wundmanagements verstanden werden und nicht als einfacher Versorgungsauftrag."

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