Ärzte Zeitung online, 12.05.2010

Cochlear-Implantat: Besseres Hören auch bei einseitiger Taubheit

WIESBADEN (eb). Ein Cochlear-Implantat erhielten bis jetzt nur Menschen, die auf beiden Ohren schwer hörgeschädigt waren. Eine Studie, die auf der Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO KHC) in Wiesbaden vorgestellt wird, zeigt jedoch, dass auch Menschen mit einseitiger Taubheit mit einem Cochlear-Implantat besser hören als mit einem Hörgerät.

Eine einseitige Taubheit ist eine nicht zu unterschätzende Behinderung. "Die Kinder lernen zwar normal sprechen, in der Schule kommt es aber häufig zu Problemen”, sagt Professor Dr. med. Roland Laszig, stellvertretender Präsident der DGHNO KHC und Direktor der Universitäts-Hals-Nasen-Ohrenklinik in Freiburg. Der Experte zitiert Studien, nach denen ein Viertel bis ein Drittel der einseitig tauben oder schwerhörigen Kinder ein- oder mehrmals die Schulklasse wiederholen müssen. Fast die Hälfte der Kinder benötige Nachhilfeunterricht, jedes fünfte habe Aufmerksamkeitsprobleme.

Der Ausweg könnte ein Cochlear-Implantat sein, das in einer Operation in die Hörschnecke des Innenohrs platziert wird. Dort ersetzt es die natürliche Reizübertragung der Sinneszellen auf den Hörnerven. "Derzeit wird ein Innenohrimpantat nur bei Patienten mit beidseitiger an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit eingesetzt”, erläutert Laszig: "Menschen mit einseitiger Innenohrschwerhörigkeit erhalten ein spezielles Hörgerät zur sogenannten CROS-Versorgung”. Ein Mikrophon nimmt den Schall auf, der mittels Kabelverbindung oder Funk zur gesunden Seite geleitet wird. "Ein vollständiger Ersatz für das natürliche Stereo-Hören ist dies nicht”, sagt Laszig: "In vielen Situationen ist das Sprachverständnis empfindlich herabgesetzt.”

In Freiburg erhalten seit einiger Zeit Patienten mit einseitigen schwerwiegenden Hörproblemen ein Cochlear-Implantat. Dabei stellten die Mediziner fest, dass das Implantat auch die Ohrgeräusche mindert. Auch das Richtungshören wurde verbessert. "Die Patienten können in schwierigen Hörtestsituationen, wenn die Sprache von der tauben und ein Rauschen von der hörenden Seite angeboten wird, besser hören als mit einem Hörgerät”, berichtet Studienleiterin Dr. med. Susan Arndt, Oberärztin der Universitäts-Hals-Nasen-Ohrenklinik, Freiburg. Auch die Befürchtung, dass das Cochlear-Implantat das Sprachverständnis des normal hörenden Ohres beeinträchtigen könnte, habe sich als unbegründet erwiesen.

Die Klinik hat jetzt begonnen, auch Kinder mit erworbener einseitiger Ertaubung mit einem Cochlear-Implantat zu versorgen. "Wir sind der Ansicht, dass diesen Kindern ein beidseitiges Hören nicht vorenthalten werden sollte, um ihre Chancengleichheit zu wahren”, sagt Arndt. Die davon ausgeht, dass die einseitige Taubheit in Zukunft häufiger diagnostiziert wird. "Die 2009 gesetzlich eingeführten Hörtests bei Neugeborenen führen zu einer sehr frühen Diagnosestellung”, führt die Expertin aus: "Wir stehen deshalb häufig vor der Frage, wie diesen Kindern am besten geholfen werden kann.” Die Entscheidung sollte nach Ansicht der Experten nicht zu lange hinausgezögert werden. "Aus unseren Erfahrungen mit beidseitiger Taubheit wissen wir, dass die Ergebnisse desto besser sind, je früher die Kinder Cochlear-Implantate erhalten.”

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