Ärzte Zeitung online, 16.01.2014

HNO

Lymphknoten tasten ist Übungssache

Die Sensitivität, mit der ein Untersucher einen geschwollenen Lymphknoten ertastet, ist offenbar keine Frage des angeborenen Feingefühls, sondern steigt mit der Erfahrung.

LONDON, ONTARIO. Die Sensitivität, mit der ein Untersucher einen geschwollenen Lymphknoten ertastet, ist offenbar keine Frage des angeborenen Feingefühls, sondern steigt mit der Erfahrung.

In einer kanadischen Klinik waren langjährig tätige HNO-Fachärzte bei der Palpation an einem Modell unerfahrenen Studenten klar überlegen (Head Neck 2013, online 17. Dezember).

Die Palpation von Halslymphknoten gehört zu den grundlegenden HNO-ärztlichen Tätigkeiten. Die Frage ist, inwieweit sich die Fähigkeit, einen geschwollenen Lymphknoten zu erspüren, üben lässt.

Verschiedene Autoren haben postuliert, dass es in der Praxis oft an Feedback fehlt, was den Übungseffekt beeinträchtigt. Wie gut ein Arzt einen Lymphknoten ertastet und mit welcher Sicherheit er dessen Größe einschätzt, sei hauptsächlich eine Sache des angeborenen Feingefühls.

Kanadische Wissenschaftler halten nun dagegen: In ihrer Studie mit 30 Freiwilligen hing die Sensitivität, mit der Lymphknoten in einem Modellversuch ertastet wurden, eindeutig mit der Praxiserfahrung des Untersuchers zusammen.

Die Teilnehmer - Medizinstudenten, Assistenzärzte in der Facharztausbildung und fertige HNO-Fachärzte - waren gebeten worden, elf Gewebsimitate aus Kunststoff in zwei Durchläufen zu palpieren. In neun der Imitate verbargen sich künstliche "Lymphknoten" in verschiedenen Größen (zwischen 0,5 und 4 cm), zwei beinhalteten keinen "Knubbel" und dienten als Kontrollen.

Alle Teilnehmer neigten dazu, den Durchmesser zu unterschätzen

Während Studenten in präklinischen Semestern nur in 52 Prozent der Fälle einen vorhandenen Lymphknoten erspürten, lag die Sensitivität bei den angehenden Fachärzten zwischen 70 und 78 Prozent, fertige HNO-Fachärzte erreichten gar 86 Prozent.

Auch bei der Größe eines getasteten Knotens verschätzten sich die erfahrenen Kollegen deutlich seltener: Während die Studenten durchschnittlich um 0,97 cm danebenlagen, waren es bei den Fachärzten nur 0,57 cm. Interessanterweise neigten alle Teilnehmer dazu, den wahren Durchmesser zu unterschätzen (um durchschnittlich einen halben Zentimeter).

Ab einem Durchmesser von 2 cm wurden die Lymphknoten in jedem Fall ertastet, und zwar von allen Teilnehmern (Sensitivität 100 Prozent). Bei kleineren Knoten machte sich dagegen die Praxiserfahrung bemerkbar: Fachärzte spürten schon ab einem Durchmesser von 1,25 cm alle Knoten auf, für Assistenzärzte lag die Schwelle bei 1,5 cm.

Das Fazit der Forscher um Dr. Jason J. Xu von der University of Western Ontario: Mit zunehmender Erfahrung fällt sowohl das Aufspüren von Lymphknoten als auch das Taxieren von Durchmessern leichter.

Xu und Kollegen fordern, Lehrgänge abzuhalten, die vor allem auf das Palpieren von Knoten unter 2 cm abzielen. Das in ihrer Studie verwendete Modell taugt hierfür nur bedingt: Auf einer 7-Punkte-Likert-Skala bewerteten die Teilnehmer den "Echtheitsgrad" mit 4,77. (eo)

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