Ärzte Zeitung, 01.09.2014

Tinnitus

Angst macht es nicht besser

Bei chronischem Tinnitus kann es zu psychischen Überlagerungen kommen, die das Leid der Betroffenen noch verstärken. Psychosomatisch geschulte HNO-Ärzte setzen deswegen auf Sachlichkeit im Umgang mit dem Pfeifen.

Angst macht es nicht besser

Tinnitus kann mit Depressionen und Schlafstörung einher gehen.

© Kaarsten / fotolia.com

BOCHUM. Tinnitus gehört zu jenen Erkrankungen, bei denen die Patienten dem Arzt oft von selbst eine psychische Genese anbieten. "Viele sagen gleich zu Beginn, dass das von ihrem Chef komme", sagte die HNO-Ärztin Dr. Astrid Marek vom Klinikum Bochum.

Oft liegt bei Tinnitus-Patienten auch noch eine ausgeprägte Angst vor dem totalen Verlust des Hörvermögens vor. Beides, die letztlich unbegründete Angst und die Neigung, die Ursache bei als unbeeinflussbar wahrgenommenen Faktoren zu suchen, trägt nicht zur Heilung bei.

Marek empfiehlt im Umgang mit Tinnitus-Patienten deswegen aus psychosomatischer Sicht eine Strategie der Versachlichung. Dazu gehört, die Patienten auf die tatsächlich bestehenden Wechselwirkungen zwischen Körper, also Gehör, und seelischen Prozessen hinzuweisen. So könne chronischer Stress über die Kortisolachse zu einer vermehrten Kalziumansammlung führen, was Nervenzellen und Sinneszellen schädigt.

Das sind aber keine plötzlichen Phänomene. Physiologisch liege dem Tinnitus ein organischer Befund im auditorischen System zugrunde, sagte Marek beim Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin.

In der Regel handele es sich um einen umschriebenen Schaden, beispielsweise in Folge eines Lärmtraumas. Im Hörtest müsse dieser Schaden nicht zwangsläufig nachweisbar sein, weil er auch Frequenzen jenseits des üblichen Hörspektrums betreffen kann, so Marek in Berlin.

"40 Prozent der Menschen haben irgendwann im Leben einmal einen Tinnitus"

Kommt es bei einem derart vorgeschädigten Gehör zu einer Auslösesituation, etwa erneuter Lärm, totale Stille, Hitze, Kälte, Allergenexposition, Fieber, Schlafstörungen, akuter Stress oder ein Schmerzereignis, dann passiert etwas Ähnliches wie bei Patienten mit Phantomschmerz: Die Nervenzellen generieren eine Sinneswahrnehmung, die kein akustisches Korrelat hat.

Selten ist das nicht: "40 Prozent der Menschen haben irgendwann im Leben einmal einen Tinnitus", berichtete Marek.

Aus psychosomatischer Sicht besteht der Charme an diesem rationalen Erklärungsmodell vor allem darin, dass es dazu beiträgt, Katastrophisierungstendenzen entgegen zu wirken. Es drohe eben gerade kein Hörverlust, so die HNO-Ärztin.

Ist der Grund derart gelegt, kann individuell verhaltenstherapeutisch am Umgang mit typischen Auslösesituationen gearbeitet werden. Auch eine Verbesserung des Schlafverhaltens sowie verschiedene Geräuschübungen seien hilfreich. (gvg)

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