Ärzte Zeitung online, 19.08.2009

Tunesien: Angebliche Zwölflinge "große Farce"

TUNIS (dpa). Das tunesische Gesundheitsministerium hat am Mittwoch Berichte über die Zwölflings-Schwangerschaft einer Tunesierin als "große Farce" zurückgewiesen. Die 34-jährige Frau sei nie im Krankenhaus von Gafsa gewesen, sagte der Ministerialdirektor Mongi Hamrouni am Mittwoch in Tunis.

Man könne eine eingebildete Schwangerschaft nicht ausschließen, sagte Hamrouni zur dpa. Zuvor hatten auch deutsche Fachärzte bereits Zweifel an der Darstellung der lokalen Medien angemeldet.

Tunesische Zeitungen hatten berichtet, die Frau erwarte sechs Jungen und sechs Mädchen. Krankenhausärzte von Gafsa hätten den Zustand der Frau und der zwölf Föten als "sehr gut" bezeichnet. Dabei sollte sie im neunten Monat schwanger sein. "Das ist völlig unmöglich", erläuterte der Kieler Gynäkologe Professor Alexander Strauss der dpa. "Es ist Humbug zu behaupten, dass so jemand im Entferntesten in das letzte Drittel der Schwangerschaft kommen könnte." Schon Drillinge erreichten im Schnitt nur die 33. von 40 Schwangerschaftswochen, Fünflinge nur die 29.

"Gestern haben wir einen mit modernsten Mitteln ausgestatteten Krankenwagen und Mediziner zum Haus der Frau in Gafsa geschickt", sagte Hamrouni. "Doch sie hat alle Untersuchungen strikt verweigert." Gafsa liegt 400 Kilometer südwestlich von Tunis. "Wir konnten sie nicht mit Gewalt zu einer Diagnose zwingen, denn das ist ethisch und gesetzlich verboten", sagte Hamrouni. "Diese Frau wurde niemals ins Regionalkrankenhaus Gafsa aufgenommen und keiner unserer Ärzte hat vorgegeben, dass eine Tunesierin mit zwölf Föten schwanger sei."

   Die Frau soll nach Presseberichten seit Jahren arbeitslos sein und seit 2007 zwei Fehlgeburten gehabt haben. Ihr Mann Marwen Aladab wurde mit den Worten zitiert, seine Frau habe keine Hormone genommen, sondern sei auf natürliche Weise schwanger geworden. Auch diese Darstellung wiesen Experten zurück. "So eine Zwölflings-Schwangerschaft kommt nicht ohne hormonelle Unterstützung zustande", sagte der Leiter der Arbeitsgruppe Fortpflanzungsmedizin in der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie, Professor Klaus Diedrich aus Lübeck. "So etwas kommt im menschlichen Zyklus nicht vor."

Auch eine normale Geburt, wie in den Berichten angekündigt, sei in einem solchen Fall keinesfalls möglich, sagte der Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Berliner Charité, Joachim Dudenhausen, dem Audiodienst der dpa. "Diese Kinder werden nicht so einer nach dem anderen bei der normalen Geburt geboren werden können, weil die sich gegenseitig behindern." Dazu sei ein Kaiserschnitt nötig. "Und dann braucht man - und das ist der große Aufwand - zwölf Kinderärzte und die Truppe, die dazu gehört (...) Da hätte auch eine große Klinik in der industrialisierten Welt große Probleme, das zu organisieren."

Marwen Aladab, ein Arabischlehrer, verweigerte den Medien jeden Kontakt zu seiner Frau. Seine Frau sei nicht zu Hause. Seine Schwester Lamia Aladab erklärte der dpa, dass die Medien sich an ihren Rechtsanwalt Lotfi Smatt wenden sollten.

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