Ärzte Zeitung online, 29.01.2010

Keine künstliche Befruchtung bei Alkoholkonsum

Reproduktionsmediziner fordern: schlechtes Verhalten muss Konsequenzen haben

GRIMBERGEN (hub). "Rauchen macht impotent und schädigt die Spermatozoen" ist ein Spruch auf Zigarettenschachteln. Ausgedrückt werden damit seit langem bekannte wissenschaftliche Erkenntnisse. Dass diese Erkenntnisse müssen auch Konsequenzen für die Medizin haben, fordern jetzt europäische Reproduktionsmediziner. Sie wollen den Zugang zur künstlichen Befruchtung für menschen mit ungesundem Lebensstil einschränken.

Keine künstliche Befruchtung bei Alkoholkonsum

Prost Baby? Dazu sagen Reproduktionsmediziner: Nein. © Kzenon / fotolia.com

Eine Arbeitsgruppe der European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE) hat ein Positionspapier erarbeitet, in dem Empfehlungen zum Umgang mit künstlicher Befruchtung bei Frauen, die Alkohol konsumieren, rauchen oder adipös sind, gegeben werden. Die Kernaussage: Reproduktionsmediziner sollten die Behandlung von Frauen mit mehr als moderatem Alkoholkonsum ablehnen, wenn diese nicht bereit sind, den Konsum zu minimieren.

  • Alkohol: Ein dosisabhängiger Effekt von Alkohol sei mit negativen Auswirkungen auf die natürliche Empfängnis verbunden, schreibt die ESHRE. Das gelte für trinkende Frauen als auch Männer. Die Raten bei Konzeption und Schwangerschaft seien vermindert, die Abortneigung erhöht. Körperliche Anomalien, kognitive und Verhaltensdefizite beim nachwuchs Alkohol konsumierender Schwangerer sind als fetales Alkoholsyndrom bekannt, erinnert die ESHRE. Auch auf eine künstliche Zudem könne die Gewinnung von Ooozyten für eine In-Vitro-Fertilisation (IvF) beeinträchtigt sein. Negative Effekte seien dosisabhängig und umso größer, je näher der Alkoholkonsum zum IvF-Versuch liege.
  • Rauchen: Die Anteil Zeugungsunfähiger ist bei Rauchern doppelt so hoch wie bei Nichtrauchern. Als Grund stehen toxische Substanzen wie Kadmium und Kotinin aus dem Tabakrauch in Verdacht, die die Gametogenese beeinträchtigen. Raucherinnen brauchen länger, natürlich schwanger zu werden als Nichtraucherinnen, zudem gelingt es ihnen seltener und die Abortneigung ist erhöht. Rauchende frauen benötigen doppelt soviele IvF-Zyklen bis zur Empfängnis, wie Nichtraucherinnen. Die IvF-Erfolge bei Raucherinnen entsprächen jenen zehn Jahre älterer Nichtraucherinnen. Ein niedriges Geburtsgewicht, ein erhöhtes Risiko für Kiefer-Gaumen-Spalten und für plötzlichen Kindstod (SIDS) sind die Folgen des Rauchens für den Nachwuchs. Die Assoziation zwischen rauchen in der Schwangerschaft und kindlicher leukämie und anderen krebserkrankungen hingegen müsse weiter erfroscht werden, so die ESHRE-Arbeitsgruppe.
  • Adipositas: Fettsucht interferiert mit hormonellen und metabolischen mechanismen im Körper und beeinflusst so die Reprodktion negativ. Die Häufigkeit eines Eisprungs wir gemindert, ebenso wie die Chancen einer Konzeption. Übergewichtige Schwangere haben ein zweifach erhöhtes Risiko für Gestationsdiabetes wie normalgewichtige, bei Grad-III-Adipösen (BMI von 40 und mehr) ist das Risiko sogar achtfach erhöht. Adipositas wirkt auch negativ auf den Fetus: Das Risiko für perinatalen Tod ist erhöht, jenes für angeborene Fehlbildungen um 80 Prozent, das für kardiovaskuläre Anomalien um 30 Prozent. Die Auswirkungen von Adipositas auf den Erfolg einer künstlichen Befruchtung sind in der wissenschaftlichen Literatur nicht eindeutig, so die ESHRE. Es würden jedoch höhere Dosen Gonadotropin benötigt und die Chancen einer Schwangerschaft seien um 30 Prozent vermindert. Das Risiko einer Fehlgeburt ist um ein Drittel erhöht.

Fünf Empfehlungen:

Das Gremium leitet aus seinen Analysen fünf Empfehlungen für eine reproduktionsmedizinische Therapie ab:

1. Mit Blick auf die Zukunft des Kindes sollten Reproduktionsmediziner die Behandlung von Frauen ablehnen, die nicht bereit sind, ihren Alkoholkonsum zu minimieren.

2. Die Behandlung von Frauem mit Adipositas Grad II (BMI 35 bis 39) und Grad III (BMI 40 und mehr) bedarf einer speziellen Begründung. Auch wenn vorhandene Daten nahelegen, dass Abspecken einen positiven Effekt auf die Reproduktion hat, brächte es weitere Daten, um die Behandlung adipöser und rauchender Frauen von einer vorher zu erfolgenden Lebensstiländerung abhängig zu machen.

3. Eine künstliche Befruchtung sollte nur dann von einer Lebensstiländerung abhängig gemacht werden, wenn ohne eine solche Änderung das Kind schwer geschädigt werden kann, der finanzielle Aufwand einer künstlichen Befruchtung oder die Schwangerschaftsrisiken überproprotional hoch sind.

4. Wenn die künstliche Befruchtung von einer Lebensstiländerung abhängig gemacht wird, müssen Reproduktionsmediziner die Patientinnen beim Erreichen der Ziele unterstützen.

5. Es müssen weitere Daten erhoben werden, um die Effekte von Rauchen, Alkoholkonsum und anderen Lebensstilfaktoren auf die Reproduktionsfähigkeit einzuschätzen.

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