Ärzte Zeitung, 29.11.2011

Mahlzeit! Bisphenol A aus der Dosensuppe

Babyfläschchen sind jetzt frei von Bisphenol A, doch die umstrittene Substanz ist immer noch weit verbreitet. Jetzt haben US-Wissenschaftler nach dem Verzehr von Dosensuppen unerwartet hohe Bisphenol-A-Werte im Urin gemessen.

Von Christine Starostzik

Mahlzeit! Bisphenol A aus der Dosensuppe

Der Griff zum Dosenöffner - eine zwar einfache, aber wohl nicht immer die gesündeste Wahl.

© Matthias Geipel / fotolia.com

BOSTON. Über Bisphenol A (BPA) wird nicht nur heiß diskutiert, es ist in der Tat in aller Munde. Denn wir haben reichlich Gelegenheit, dem Stoff im Alltag zu begegnen.

US-Wissenschaftler wollten daher wissen, wie viel BPA wir ausscheiden, wenn wir Dosensuppen essen. Das Ergebnis: Nach einer Woche war der BPA-Wert im Urin rund 20-mal höher als bei einer frisch zubereiteten Suppe.

Studienteilnehmer der einfach verblindeten Crossover-Studie waren 84 Mitarbeiter und Studenten der Harvard School of Public Health in Boston (JAMA 2011; 306(20): 2218-2220). 75 Probanden beendeten die Studie.

Frische Suppe vs. Dosensuppe

Eine Gruppe erhielt über fünf Tage täglich zwischen 12:15 Uhr und 14:00 Uhr rund 355 ml Suppe aus ausschließlich frischen Zutaten. Die andere Gruppe erhielt die gleiche Menge Suppe zur gleichen Zeit - allerdings aus der Dose.

Nach einer zweitägigen Pause, wurde die Suppenmahlzeit zwischen den Gruppen getauscht. Ihre sonstigen Essensgewohnheiten konnten die Probanden wie gewohnt beibehalten.

Zwischen 15 Uhr und 16 Uhr wurden am vierten und fünften Tag jeweils Urinproben genommen, aus denen die Konzentrationen des freien und des gebundenen Bisphenol A bestimmt wurde.

Bisphenol A konnte bei 77 Prozent der Urinproben nach dem Verzehr frischer Suppen und bei 100 Prozent der Proben nach Dosensuppen-Mahlzeit nachgewiesen werden.

Höhere BPA-Werte in der "Dosengruppe"

Gravierend war allerdings der Unterschied in der Konzentration. Während nämlich die mittlere BPA-Konzentration im Urin (korrigiert durch das spezifische Gewicht) nach frisch zubereiteter Suppe bei 1,1 μg/l (0,9 bis 1,4 μg/l) lag, schieden die Probanden nach Verzehr der Dosensuppen 20,8 μg/l (17,9 bis 24,1 μg/l) aus.

Wurden die Gruppen nach einer Auswaschphase getauscht, ergaben sich ähnliche Werte: Nach dem Verzehr der Dosensuppe lagen die BPA-Werte im Schnitt um 22,5 μg/l höher als nach der Woche, in der frische Zutaten verwendet wurden.

Zum Vergleich: Der nicht korrigierte Durchschnittswert im National Health and Examination Survey 2007 bis 2008 lag bei 2,08 μg/l, das 95. Perzentil bei 13,0 μg/l. Die unkorrigierten BPA-Werte dieser Studie betrugen 0,9 μg/l nach frischer Suppe und 17,5 μg/l nach der Dosensuppe.

Dosen auch in Deutschland belastet

Die Aufnahme von Bisphenol A erfolgt weitgehend über die Nahrung. BPA dient beispielsweise als Ausgangsstoff von Epoxidharzen, die zur Innenbeschichtung von Konservendosen verwendet werden, um eine Rostbildung zu vermeiden.

Auch in Deutschland sind nach wie vor Dosen mit BPA belastet, unter anderem sind Limonaden, Cola, Bier oder Energy Drinks betroffen. In einer vom BUND beauftragten Untersuchung lagen die BPA-Werte zwischen 0,3 und 8,3 μg/Dose.

Die starke Erhöhung des BPA im Urin sei ein vorübergehender Effekt, dessen Auswirkungen auf den Organismus noch unbekannt sei, so die US-Wissenschaftler.

Toxikologen sehen kein Gefährdungspotenzial

Allgemein werden als mögliche Gesundheitsgefährdungen unter anderem ein erhöhtes Krebsrisiko, Gefahren für das Hormonsystem und Entwicklungsstörungen bei Kindern diskutiert.

Die Beratungskommission der Gesellschaft für Toxikologie am Leibnitz-Institut in Dortmund hält hier allerdings dagegen.

Im Mai 2011 stellte sie fest, dass "in der gegenwärtigen Höhe der Aufnahme von Bisphenol A über die verschiedenen Belastungspfade kein gesundheitliches Risiko für die Bevölkerung einschließlich Säuglingen und Kleinkindern besteht".

Dies sei durch aktuelle Studien erneut belegt worden, sodass der derzeitige in der Europäischen Union gültige Grenzwert für die lebenslang tolerierbare tägliche Aufnahme von 50 μg/kg Körpergewicht wissenschaftlich valide begründet sei.

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