Ärzte Zeitung, 17.10.2014

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Wachstumshormone und der Schlaganfall-Verdacht

Kinder mit einer wachstumsfördernden Therapie haben als Erwachsene offenbar ein erhöhtes Schlaganfallrisiko, zeigt eine französische Studie. Ob das an der Hormontherapie liegt, ist aber noch unklar.

Von Thomas Müller

Wachstumshormone und der Schlaganfall-Verdacht

Vor einer Verordnung von Wachstumshormon sind die Risiken gegen die Vorteile abzuwägen.

© Gina Sanders / fotolia.com

PARIS. Der Hinweis ist sehr schwach, doch falls eine Therapie mit Wachstumshormon (Somatropin) tatsächlich das Schlaganfallrisiko erhöhen sollte, müssten Ärzte in Zukunft noch sorgfältiger als bisher abwägen, ob und welchen Kindern sie eine Hormontherapie bei Kleinwüchsigkeit empfehlen.

Noch besteht allerdings kein großer Handlungsbedarf: Epidemiologen um Dr. Amélie Poidvin haben lediglich eine erhöhte Schlaganfallrate bei Kleinwüchsigen festgestellt, die eine Hormonbehandlung bekommen haben (Neurology 2014; ePub 13. August 2014).

Ob die Ursache dafür die Kleinwüchsigkeit selbst oder die Hormonbehandlung ist, lässt sich mit den bisherigen Daten nicht klären.

Für ihre Analyse verwendeten Poidvin und Mitarbeiter Daten von Kindern, die zwischen 1985 und 1996 in Frankreich Wachstumshormon erhalten hatten. Die Aufnahme in ein Register war für diese Kinder Pflicht, dadurch sollten Langzeiteffekte der Therapie zuverlässig erfasst werden.

Befürchtet wurde vor allem ein erhöhtes Krebsrisiko unter der proliferationsfördernden Therapie. Dieses konnte bislang aber nicht nachgewiesen werden.

Dagegen hatte eine vor zwei Jahren veröffentlichte Auswertung eine erhöhte Sterberate der behandelten Patienten als junge Erwachsene nahegelegt. Vor allem die kardiovaskuläre Mortalität schien erhöht.

Nachbeobachtung über 17 Jahre

Da Patienten mit Akromegalie unter dem Einfluss erhöhter Somatropin-Konzentrationen zu zerebralen Gefäßmissbildungen neigen und vermehrt Aneurysmen ausbilden, könnte die Therapie mit dem Hormon möglicherweise Hirnblutungen begünstigen. Dieses Risiko wollten die Forscher nun genauer untersuchen.

Insgesamt bewertete das Team um Poidvin Angaben von rund 10.300 Patienten. Davon siebten sie 3400 aus, die aufgrund diverser Begleiterkrankungen schon bei Therapiebeginn schlechte Karten hatten. Nur die übrigen 6900 mit einem vergleichsweise niedrigen Sterbe- und Krankheitsrisiko wurden für die weitere Analyse berücksichtigt.

Diese Personen waren im Schnitt vier Jahre mit Wachstumshormon behandelt worden. In der Regel begann die Therapie im Alter von elf Jahren. Die Nachbeobachtung dauerte im Schnitt 17 Jahre.

In dieser Zeit erlitten elf Personen erstmals einen Schlaganfall - fünf hatten eine Subarachnoidalblutung, drei eine intrazerebrale Blutung und drei einen ischämischen Insult.

Auf dieser Basis kalkulierten sie die altersadjustierte Schlaganfallinzidenz. Diese verglichen sie anschließend mit der Inzidenz aus einem französischen und einem britischen Bevölkerungsregister.

Wie sich herausstellte, war die Schlaganfallinzidenz bei den Personen mit Wachstumsstörungen im Vergleich zum französischen Register um den Faktor 2,2 und im Vergleich zum britischen Register sogar um den Faktor 5,3 erhöht. Hämorrhagische Insulte traten knapp sechs- und siebenfach häufiger auf, als die Forscher erwartet hatten.

Elf Ereignisse

Allerdings ist die normale Population keine geeignete Vergleichsgruppe, schließlich haben Kinder mit Wachstumsstörungen oft eine Reihe von Komorbiditäten. Ob diese alle zuverlässig ausgesiebt werden konnten, darf bezweifelt werden. Auch wurden kardiovaskuläre Risikofaktoren nicht erfasst.

Es ist also unklar, ob die Personen im Hormontherapie-Register häufiger Bluthochdruck, Übergewicht oder erhöhte Lipidwerte hatten. Zu guter Letzt sollte man bei einer Zahl von elf Ereignissen vorsichtig mit Schlussfolgerungen sein. Hier kann es sich auch um reinen Zufall handeln.

Trotz dieser Schwächen rät die Neurologin Dr. Rebecca Ichord von der Universität in Philadelphia ihren Kollegen, Eltern auf das möglicherweise erhöhte Schlaganfallrisiko bei einer Hormontherapie hinzuweisen.

So sollten die Eltern vermehrt auf das Gewicht ihrer Kinder und genügend Bewegung achten, um das Risiko gering zu halten. Solche Empfehlungen sind zum Glück nie falsch.

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