Ärzte Zeitung, 24.08.2006

HINTERGRUND

Wechseljahresberaterinnen helfen Frauen in der Menopause, ihren Alltag erfolgreich zu bewältigen

Von Marion Lisson

In den Niederlanden arbeiten sie schon seit 1999: die Wechseljahresberaterinnen. In Deutschland kennt man sie noch kaum. Hier haben gerade mal die ersten Dutzend Wechseljahresberaterinnen ihre Ausbildung abgeschlossen. Ihr Ziel ist es nun, in enger Zusammenarbeit mit Hausärzten und Gynäkologen Frauen in der Menopause zu begleiten.

Frauen in den Wechseljahren brauchen oft ausführliche Gespräche. Hier können sich Ärzte durch Wechseljahresberaterinnen unterstützen lassen. Foto: klaro

"Zur Zeit stellen sich die Beraterinnen bei niedergelassenen Medizinern und Klinikärzten vor, um sich und ihre Tätigkeit bekannt zu machen", berichtet Dr. Beate Wegener, die ärztliche Leiterin der Organisation "Care for women" in Deutschland. Die Reaktionen der Ärzte seien bislang durchweg positiv. Einige bleiben noch vorsichtig, etwa ein Klinikinternist aus Grünstadt: "Natürlich muß ich auch hier erst einmal sehen, was die Frauen selbst von dem Angebot und seinem Nutzen sagen", so seine Einschätzung.

Das Konzept für dieses völlig neue Berufsbild der Wechseljahresberaterinnen kommt von der Organisation "Care for women", die sich in Darmstadt niedergelassen hat. Neun Monate werden Frauen auf die Tätigkeit vorbereitet. Die Ausbildung schließt mit einer Prüfung ab.

Zu den körperlichen kommen auch soziale Veränderungen

Aufgabe der Beraterinnen ist es, die betroffenen Frauen in der Umbruchphase zu begleiten, ihr Selbstbewußtsein zu stärken und sie für Lebensziele im Alter zu motivieren, ergänzt dazu Catherine van Heest, die die Organisation "Care for women" vor sieben Jahren in den Niederlanden gegründet hat. "Bei den Frauen treffen meist nicht nur körperliche, sondern auch soziale Veränderungen aufeinander", sagt Wegener.

"Die Kinder gehen aus dem Haus, die Frauen kehren in den Beruf zurück, die eigenen Eltern werden krank oder sterben", so die 42jährige. Konkret gehe es nun darum, den betroffenen Frauen zuzuhören, sie aber ebenfalls von Bewegung, Sport und der richtigen Ernährung zu überzeugen.

Nur Krankenschwestern und Hebammen werden von der Organisation zu einer Wechseljahresberaterin ausgebildet. "Wir sehen uns als Schnittstelle zwischen Patient und Arzt. Entsprechend fit müssen unsere Beraterinnen sein", so Wegener, die selbst Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe ist.

Durchschnittlich acht Millionen Frauen in Deutschland sind in den Wechseljahren. Manchen von ihnen würde es sicherlich leicht fallen, in dieser schwierigen Phase das niedrigschwellige Angebot der Care-for-women-Beraterinnen wahrzunehmen. Dennoch: "Den Arzt ersetzen wir natürlich nie. Die Beraterinnen dürfen schließlich nicht behandeln", macht Wegener deutlich. Und noch etwas fügt sie hinzu: Jeder Frau werde selbstverständlich geraten, mindestens einmal im Jahr bei ihrem Frauenarzt eine Krebsvorsorge machen zu lassen.

Man sehe sich im Gleichklang mit den Medizinern. "Es sollte bei uns vielleicht ähnlich laufen wie zwischen Orthopäden und Physiotherapeuten", so Wegener. Beide Seiten könnten profitieren. "Ich weiß es aus eigener Erfahrung: Wenn man sich eine Stunde Zeit frei räumt, um sich in aller Ruhe mit den betroffenen Frauen unterhalten und auf ihre Probleme eingehen zu können, dann muß dies leider an anderer Stelle - also bei anderen Patienten - wieder eingespart werden."

Hinzu komme, daß die niedergelassenen Kollegen diesen enormen Zeitaufwand häufig gar nicht adäquat honoriert bekämen. Wegener: "Zur Orientierung kann davon ausgegangen werden, daß einem Gynäkologen in der Größenordnung zwischen 15 und 20 Euro pro Patientin pro Quartal zur Verfügung stehen. Diese Summe beinhaltet auch die gynäkologischen Untersuchungen." Es könne daher auch für niedergelassene Ärzte eine Erleichterung sein, diesen Patientinnen von "Care for women" zu erzählen.

40 Euro müssen die betroffenen Frauen pro Stunde bezahlen, wollen sie die Hilfe einer Beraterin in Anspruch nehmen. "Manchmal ist es bereits mit drei bis fünf Sitzungen getan, und die Frauen sind wieder auf einem guten Weg," berichtet Gabi Suck, Mitarbeiterin bei "Care for women". Andere Frauen hingegen bedürften langfristiger Hilfe und würden über Jahre begleitet.

Im Gegensatz zu niederländischen Krankenkassen übernehmen die Kassen in Deutschland die Honorare der Wechseljahresberaterin bislang nicht. "Doch erste Gespräche mit einigen großen Krankenkassen haben wir bereits aufgenommen", berichtet Wegener.

Start in Hessen, Bayern und Baden-Württemberg

Bislang weist das Versorgungsnetz von "Care for women" - wie nicht anders zu erwarten - noch große Löcher auf. "In Hessen, Bayern und Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen starten wir derzeit", so Wegener. Sie ist zuversichtlich. Das Thema Wechseljahre sei nicht mehr wie vielleicht noch vor 20 Jahren ein Tabuthema. Im Gegenteil: "Frauen von heute können es sich nicht leisten, unter den Symptomen zu leiden."

Als besonders belastend werden Schlafstörungen, Müdigkeit und Antriebslosigkeit empfunden, hat eine Befragung von 122 Frauen im Auftrag der niederländischen Krankenversicherung Amicon ergeben. Eine Auszeit im Beruf sei in der Regel nicht möglich, so Wegener. Aus diesem Grunde suche die Frau von heute nach Strategien, wie sie ihren Alltag erfolgreich bewältigen kann.

1000 Krankenschwestern und Hebammen will "Care for Women" in Deutschland schulen lassen, um wohnortnah Wechseljahresberatungen anbieten zu können. In den Niederlanden haben in den vergangenen Jahren 25 000 Frauen eine Beratung in Anspruch genommen.

Infos über "Care for women" und Wechseljahresberaterinnen im Internet unter: www.careforwomen.de

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