Ärzte Zeitung, 06.06.2014

Wechseljahre

Statt Östrogen ein Antidepressivum?

Mit dem SNRI Venlafaxin lassen sich Hitzewallungen und nächtliche Schweißausbrüche im Klimakterium ähnlich gut lindern wie mit einer Östrogentherapie. Allerdings sind die Frauen mit der Östrogentherapie zufriedener.

Von Thomas Müller

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Hitzewallungen: Indikation etwa für Venlafaxin?

© Robert Kneschke / fotolia.com

BOSTON. Bekanntlich wird die Hormontherapie bei Frauen in den Wechseljahren mit einem erhöhten Risiko für Brustkrebs und kardiovaskuläre Ereignisse erkauft. Aus diesen Gründen wird meist zu möglichst niedrigen Dosierungen und kurzer Therapiedauer geraten. Zudem werden oft andere Arzneien off-label eingesetzt.

Vor allem SSRI und der SNRI sind hier beliebt. Für Paroxetin konnte inzwischen eine gute Wirksamkeit bei Wechseljahresbeschwerden nachgewiesen werden. In den USA, nicht jedoch in Deutschland, ist der SSRI inzwischen zur Therapie bei vasomotorischen Symptomen im Klimakterium zugelassen.

Allerdings gibt es praktisch kaum direkte Vergleichsstudien zwischen niedrig dosierter Hormonersatztherapie und einer Behandlung mit modernen Antidepressiva.

Diese Lücke wollten Psychiater um Dr. Hadine Joffe von der Harvard Medical School in Boston nun schließen (JAMA Intern Med 2014, online 26. Mai).

Frauen führten Tagebuch

Für ihre Studie wurden 340 Frauen mit täglich mindestens zwei lästigen Hitzewallungen oder Schweißausbrüchen in drei Gruppen eingeteilt: 97 bekamen niedrig dosiertes Estradiol (0,5 mg/d), 96 den SNRI Venlafaxin in niedriger Dosis (75 mg/d) und 146 Placebo.

Die Frauen wurden aufgefordert, über acht Wochen hinweg täglich Zahl, Art und Ausmaß der vasomotorischen Beschwerden sowie Therapienebenwirkungen zu notieren.

Zu Beginn hatten sie im Mittel 8,1 Phasen mit klimakterischen Beschwerden. Diese Zahl war nach acht Wochen in der Estradiol-Gruppe um 4,5 und in der Venlafaxin-Gruppe um 3,9 zurückgegangen. Mit Placebo fiel die Zahl der täglichen Hitzewallungen und Schweißausbrüche dagegen nur um 2,2.

In beiden Therapiegruppen war der Unterschied gegenüber Placebo statistisch signifikant. Mit Estradiol hatten die Frauen im Schnitt zwar täglich 0,6 vasomotorische Beschwerden weniger als mit dem SNRI, jedoch war der Unterschied mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 9 Prozent nicht signifikant.

Auf einer Skala von 1 (mild) bis 3 (schwer) sollten die Frauen auch angeben, wie stark die Attacken waren, und mit einer Skala von 1 (nicht) bis 4 (sehr) wurde erfasst, wie sehr sie sich durch die Symptome belästigt und eingeschränkt fühlten.

Mit Estradiol waren die Symptome nach acht Wochen im Schnitt um 0,3 Punkte schwächer und um 0,3 Punkte weniger lästig als mit Placebo. Auch hier war der Unterschied signifikant. In der Gruppe mit Venlafaxin war die Differenz jeweils einen Zehntelpunkt geringer und erreichte nur noch bei der Symptomstärke das Signifikanzniveau.

Mit knapp 70 Prozent traten in der Venlafaxin-Gruppe am häufigsten Nebenwirkungen auf, 56 Prozent waren es bei den Frauen mit Estradiol und 62 Prozent bei denen mit Placebo.

Zufrieden mit der Therapie?

Frauen mit Hormontherapie berichteten vermehrt über Insomnie, solche mit Venlafaxin und Placebo vermehrt über Fatigue. Mit Venlafaxin kam es im Schnitt zu einer leichten Blutdruckerhöhung, wohingegen der Blutdruck mit Estradiol leicht zurückging.

Bei 10 Prozent der Frauen mit dem SNRI wurden im Laufe der Therapie kritische Blutdruckmarken (165 mmHg systolisch oder 95 mmHg diastolisch) überschritten, mit Estradiol war das bei etwa 2 Prozent und mit Placebo bei keiner Frau der Fall.

Interessant ist auch die abschließende Beurteilung der Frauen: So waren 70 Prozent mit Estradiol, aber nur 51 Prozent in der Venlafaxin-Gruppe zufrieden, mit Placebo lag der Anteil bei 38 Prozent.

Möglicherweise hatte die im Vergleich zu Estradiol etwas geringere Wirksamkeit und die höhere Rate von Nebenwirkungen die Zufriedenheit mit dem SNRI gedämpft.

SSRI und SNRI könnten also vor allem für Frauen mit erhöhtem Risiko für Brustkrebs und kardiovaskuläre Ereignisse interessant sein, die auf Nummer Sicher gehen wollen und dabei auch eine verringerte Wirksamkeit in Kauf nehmen, deuten die Studienautoren an. Sie erinnern daran, dass sich in Studien mit höher dosiertem Estradiol (1 mg/d) vasomotorische Beschwerden zum Teil um 80 Prozent reduzieren ließen.

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