Ärzte Zeitung, 13.12.2004

IM GESPRÄCH

Beim Jod gilt weiterhin: Es darf auch etwas mehr sein! Eine Jodschwemme ist jedenfalls nicht in Sicht

Von Philipp Grätzel von Grätz

Die Jodprophylaxe hat als Maßnahme zur Primärprävention große Erfolge gebracht. Denn mit der seit den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts regional und seit dem UN-Weltkindergipfel 1990 fast weltweit praktizierten Prophylaxe ist etwa die Inzidenz von Strumen gesunken.

Bei optimaler Jodidprophylaxe bilden sich bei Kindern und Jugendlichen bereits vorhandene Strumen zurück, oder sie entstehen erst gar nicht. Foto: Klaro

In Deutschland wie in vielen anderen Ländern, die aufgrund von Bodenbeschaffenheit, geographischer Lage oder Ernährungsgewohnheiten als Jodmangelländer gelten, wird zur Jodprophylaxe das Speisesalz jodiert; es enthält 20 µg Jodid pro Gramm. "Im Moment enthalten in Deutschland etwa 80 Prozent der für den Gebrauch im Haushalt gekauften Salzpackungen Jodsalz", sagte Professor Peter Scriba, der Sprecher des Arbeitskreises Jodmangel, bei einer Veranstaltung des Arbeitskreises in Berlin.

Nur noch gering ausgeprägter Jodmangel in Deutschland

Trotzdem gilt Deutschland nach wie vor als Land mit - inzwischen allerdings nur noch gering ausgeprägtem - Jodmangel. Bei einem von der WHO empfohlenen Soll-Wert von 100 µg pro Liter liegt die mittlere Jodausscheidung im Urin nach 1996 erhobenen Daten nämlich bei nur 88 µg pro Liter.

Neue regionale Untersuchungen bei Neugeborenen belegen aber, daß das WHO-Soll in einzelnen Gegenden durchaus schon erreicht wird. So kamen Neugeborene im Berliner Bezirk Lichtenberg im Jahr 2004 auf eine Ausscheidung von im Median 123,6 µg Jod pro Liter Urin. Da aber auch in dieser Studie noch etwa ein Drittel der Kinder unterhalb der Grenze von 100 µg lagen, bedeutet dies, daß einzelne Schwangere mit Jodid überversorgt sind. Denn sonst käme man nicht auf einen Mittelwert von über 120 µg Jodid pro Liter Urin bei den untersuchten Kindern.

Trotz solcher Ausreißer nach oben: Mit der derzeit in Deutschland betriebenen Jodprophylaxe ist allenfalls selten mit einer Über-Jodierung zu rechnen. Und von genereller Über-Jodierung könne auch keine Rede sein, waren sich die in Berlin anwesenden Experten einig.

Denn der Abstand zwischen den bei Deutschen gemessenen Spiegeln der Jodausscheidung im Urin zu der von der WHO als Schwelle für eine Überversorgung angesehenen mittleren Jodausscheidung von 300 µg pro Liter sei groß genug. Um diese Schwelle zu erreichen, müßten dauerhaft etwa 500 µg Jod pro Tag aufgenommen werden. Das entspricht, bezogen auf die Situation in Deutschland, knapp zwei Jodtabletten à 200 µg Jodid plus dem Jod aus der Nahrung.

Kritiker der Jodprophylaxe sehen das anders. Sie sprechen von einer Jodschwemme. Immer wieder zitiert wird das Beispiel Simbabwe, wo nach Einführung der Jodprophylaxe Anfang der Neunziger Jahre die Inzidenz jodinduzierter Hyperthyreosen von 2,8 auf 7,4 pro 100  000 Einwohner gestiegen ist. Ähnliche Daten gibt es für die ehemalige DDR zwischen 1984 und 1989 sowie für einige andere Länder.

Für Professor Rainer Hehrmann vom Klinikum Diakonie Stuttgart ist dieser Effekt aber letztlich eine Bestätigung des Prophylaxe-Programms: "Was wir dort sehen, sind Patienten mit einer durch Jodmangel verursachten latenten Hyperthyreose, die durch Jodzufuhr dann eine manifeste Überfunktion entwickeln."

Der Effekt, daß Schilddrüsen mit schon bestehenden autonome Knoten bei einer Jodprophylaxe quasi außer Kontrolle geraten, trete vor allem auf, wenn das Prophylaxe-Programm in Jodmangelländern zu schnell angefahren werde. In der Bundesrepublik Deutschland, wo die Jodprophylaxe eher langsam angegangen worden sei, sei das nicht beobachtet worden.

Erhöht Jodprophylaxe die Rate von Autoimmun-Thyreoitiden?

Ebenfalls der Jodprophylaxe zur Last gelegt wird von Kritikern eine Zunahme der Inzidenz von Morbus Basedow und Hashimoto-Thyreoiditis in Deutschland. Eine solche Zunahme sei durch die verfügbaren epidemiologischen Daten jedoch nicht sicher zu belegen, so Professor Rolf Großklaus vom Bundesinstitut für Risikobewertung. Es gebe allerdings Hinweise, räumte er ein, daß bei Morbus Basedow die Inzidenz einer klinisch manifesten Hyperthyreose mit dem Jodgehalt der Nahrung steigt. Die WHO empfiehlt deswegen, daß der Median der Jodausscheidung über den Urin 300 µg pro Liter nicht überschreiten sollte.

Bei Hashimoto-Thyreoiditis ist Jod-Medikation nicht indiziert

Bei Hashimoto-Thyreoiditis wird das Schilddrüsengewebe durch lymphozytäre Infiltration zerstört, und es kommt zur Hypothyreose. Kritiker der Jodprophylaxe geben hier zu Bedenken, daß die Hashimoto-Thyreoiditis durch die verstärkte Jodzufuhr aus Nahrungsmitteln getriggert werden könnte.

Die Experten in Berlin sehen diese Gefahr in Deutschland bei normalen Ernährungsgewohnheiten aber kaum als gegeben. In Studien, die vermehrt hypothyreote Episoden bei Hashimoto-Patienten unter Jodsubstitution ergeben hätten, seien von den Patienten meist 300 µg Jodid pro Tag und mehr eingenommen worden, und zwar zusätzlich zum Jod in der Ernährung.

Weitere Infos: "Nutzen und Risiken der Jodprophylaxe in Deutschland", Stellungnahme des Bundesinstituts für Risikobewertung: www.bfr.bund.de/cm/208/nutzen_und_risiken_der_jodprophylaxe_in_deutschland.pdf

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