Ärzte Zeitung, 21.09.2006

Bei latenter Hypothyreose warten Spezialisten oft erstmal ab

Plädoyer für Zurückhaltung bei Therapie / Indikationen zur L-Thyroxin-Substitution sind etwa Schwangerschaft, Antikörper und hohe TSH-Werte

BERLIN (gvg). Soll man bereits bei latenter Hypothyreose L-Thyroxin substituieren? Das diskutieren Spezialisten derzeit. Beim Charité Fortbildungsforum - Deutschen Ärztekongreß in Berlin wurde für Zurückhaltung plädiert. Doch auch bei gering erhöhtem TSH kann eine Therapie indiziert sein, etwa bei Schwangeren.

Bei latenter Hypothyreose ist die Serumkonzentration der Schilddrüsenhormone im Normbereich. Der TSH-Wert dagegen liegt über der oberen Normgrenze von 4 mU / l. "Es gibt wenig Evidenz dafür, daß die Behandlung mit L-Thyroxin bei diesen Patienten Sinn macht. Es gibt aber auch wenig Evidenz dagegen. Es gibt einfach kaum Studien", sagte Privatdozent Joachim Spranger aus Nuthetal in Berlin.

So lieferten Querschnittsstudien zwar Hinweise darauf, daß kardiovaskuläre Erkrankungen bei Menschen mit latenter Hypothyreose häufiger seien als bei Menschen ohne diese Störung. Auch sei ein Zusammenhang zwischen dem Ausmaß einer latenten Hypothyreose und einem Anstieg von Serum-Cholesterin und LDL belegt. Die einzige prospektive Therapiestudie mit L-Thyroxin habe keinen Effekt auf den Cholesterinstoffwechsel gezeigt, so Spranger.

    Eine L-Thyroxin-Therapie empfehlen Spezialisten bei TSH über 10 mU/l.
   

Und: Prospektive Untersuchungen zum Gesamtüberleben deuteten eher auf ein längeres als auf ein kürzeres Leben von Menschen mit latenter Hypothyreose hin.

Wann also sollte bei latenter Hypothyreose und unspezifischen Beschwerden wie Müdigkeit oder Konzentrationsschwäche behandelt werden? Bei mäßig erhöhtem TSH-Wert (bis 10 mU / l) empfiehlt Spranger, TSH nach einem Monat erneut zu messen. Ist der Wert wieder erhöht, sollten Schilddrüsenantikörper wie TPO (thyreoidale Peroxidase) bestimmt und eine Sonographie veranlaßt werden. Erhöhte TPO-Antikörper-Titer und erhöhtes TSH zeigen eine Autoimmunthyreoiditis mit Funktionsminderung an.

"Bei einem Nachweis von TPO-Antikörpern kann mit einer Therapie begonnen werden", so Professor Christof Schöfl aus Berlin. Aber: "Auch eine abwartende Strategie mit erneuter Kontrolle nach einem Jahr ist gerechtfertigt", so Spranger.

Bei TSH-Werten über 10 mU / l empfehlen die Experten, in jedem Fall mit der L-Thyroxin-Therapie zu beginnen, wenn TSH bei einer Kontrolle nach einem Monat wieder erhöht ist. Für eine Substitution schon bei leicht erhöhtem TSH-Wert spreche auch eine bestehende oder geplante Schwangerschaft, so Schöfl.

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