Ärzte Zeitung online, 28.07.2009

Schilddrüsen-Überfunktion im Alter verkürzt Lebensdauer deutlich

BOCHUM(eb). Produziert die Schilddrüse zugroße Mengen Hormone, führt dies zu schwereren Folgen alsbisher angenommen: Eine Metaanalyse durch belgische Forscher ergab,dass sich die Sterblichkeit von Menschen, insbesondere von Männernab dem 60. Lebensjahr, um 41 Prozent erhöht, auch wenn sie aneiner nur leichten Überfunktion - einer sogenannten subklinischenHyperthyreose - leiden.

Bisher behandeln Ärzte eine latente Überfunktionhäufig nicht, wenn durch einen milden Verlauf keine erkennbarenBeschwerden auftreten. Angesichts der neuen Erkenntnisse ist auch beieiner leichten Schilddrüsenüberfunktion zur Therapie zu raten.

Professor Helmut Schatz aus Bochum, Mediensprecher der DeutschenGesellschaft für Endokrinologie, weist darauf hin, dass dieBeurteilung und Behandlung durch einen Endokrinologen erfolgen sollte,also einen Spezialisten für Hormon- und Stoffwechselerkrankungen.

Die subklinische Hyperthyreose fällt meist zufällig beieiner Laboruntersuchung auf. Der Arzt erkennt sie an einer erniedrigtenKonzentration des Hormons Thyreotropin (TSH) im Blut. Dieses Hormon ausder Hirnanhangdrüse regt beim Gesunden in geregelter Form dieBildung der Schilddrüsenhormone an. Wenn beiSchilddrüsenerkrankungen deren Zellen aber zuviel Hormonproduzieren, wird das TSH unterdrückt. Dies weist auf eine - auchnur unterschwellige - Überfunktion in der Schilddrüse hin.Langfristig wird dadurch der Körper geschädigt: Patienten mitsubklinischer Hyperthyreose erkranken im Alter häufiger anVorhofflimmern, einer Herzrhythmusstörung, die tödlicheSchlaganfälle begünstigt. Bei Frauen kommt es außerdemhäufiger zum Knochenschwund, der Osteoporose. Eine aktuelleUntersuchung, die kürzlich im "Lancet" besprochen wurde, zeigt,dass eine subklinische Hyperthyreose bei älteren Menschen dieSterblichkeit um 41 Prozent erhöht. Männer sind mehrgefährdet als Frauen (Lancet 373(9679), 1930).

"Diese Befunde legen nahe, dass eine subklinische Hyperthyreosebehandelt werden muss", sagt Schatz. In Studien wird derzeituntersucht, ob dadurch einem Vorhofflimmern vorgebeugt werden kann.Eine Behandlung könnte aber auch Beschwerden lindern, die bishernicht mit einer Überfunktion der Schilddrüse in Verbindunggebracht werden. Dazu gehören Angststörungen. "Untersuchungenzeigen, dass Schilddrüsenhormone direkt auf Zentren im Gehirnwirken, die das Gefühlsleben steuern", betont Schatz, So leidejeder zweite Mann mit erhöhten Schilddrüsenhormonen unterErektionsstörungen.

Eine Schilddrüsen-Überfunktion kann, häufiger beiJüngeren, durch Immunvorgänge hervorgerufen werden, dieBasedow'sche Erkrankung. Bei Älteren wiederum, insbesondere mitKnoten oder größeren Kröpfen werden dieSchilddrüsenzellen selbst autonom, das heißt sie entziehensich der Regulation durch die Hirnanhangdrüse.

Für die Behandlung einer Hyperthyreose stehen drei Verfahrenzur Auswahl: Bei der Basedow'schen Krankheit hemmen Tabletten,sogenannte Thyreostatika, die Bildung der Hormonüberproduktionzeitweise. Eine dauerhafte und nebenwirkungsarme Behandlung ist dieRadiojodtherapie. In anderen Fällen, etwa bei einem Knotenbeziehungsweise ausgeprägten Kropf, kann eine Operation dieUrsache der Überfunktion beseitigen. "Fehlfunktionen derSchilddrüse - ganz gleich ob stark oder schwach - gehören injedem Fall in die Hände eines Endokrinologen", sagt Schatz. Dennnur ein Experte für Hormonerkrankungen kann die Erkrankungangemessen beurteilen und therapieren. Der Endokrinologe muss denPatienten zudem dauerhaft, das heißt jahre- und jahrzehntelangbegleiten, um ein Wiederaufflackern der Überfunktion oder eine ofterst nach vielen Jahren auftretende Unterfunktion der Schilddrüserechtzeitig erkennen und behandeln zu können.

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