Ärzte Zeitung, 05.08.2014

TSH-Screening für Schwangere

Kein Ende der Diskussion in Sicht

Beim gezielten TSH-Screening von Schwangeren etwa mit positiver Familienanamnese oder Struma ist die Rate entdeckter klinischer oder subklinischer Hypothyreosen gleich groß wie bei generellem TSH-Screening. Ein Großteil der Frauen mit erhöhten TSH-Werten würde nicht entdeckt, ergab eine Hochrechnung.

Von Peter Leiner

Kein Ende der Diskussion in Sicht

Ist die Diagnose einer Schilddrüsenfunktionsstörung ein Kriterium für ein TSH-Screening?

© bojan fatur / istock

UPPSALA. Es wird geschätzt, dass die Inzidenz der Hypothyreose während der Schwangerschaft zwischen 0,3 Prozent und 0,5 Prozent liegt, die der subklinischen Hypothyreose sogar zwischen 3 Prozent und 5 Prozent.

Uneinigkeit herrscht international bisher bei der Frage, ob nur bei Schwangeren mit Risikofaktoren oder bei allen Schwangeren die Schilddrüsenfunktion überprüft werden sollte.

In einer retrospektiven bevölkerungsgestützten Studie haben nun schwedische Gynäkologen um Dr. Michaela Granfors von der Universität Uppsala die Ergebnisse von TSH-Messungen in beiden Gruppen geprüft (Obstet Gynecol 2014; 124: 10-5).

Daten von 891 schwangeren Frauen

In Schweden wird jeder Schwangeren in der 17. bis 19. Schwangerschaftswoche (SSW) eine sonografische Untersuchung angeboten und gleichzeitig eine Blutprobe entnommen. Fast 97 Prozent der Schwangeren nehmen dieses Angebot wahr.

Für die Studie wurden die Daten aus einer Kohorte von 5524 Schwangeren verwendet, deren Entbindung zwischen Anfang 2009 und Ende 2011 stattfand.

Die Ärzte konnten auf die Daten von 891 Schwangeren mit gezielter Schilddrüsenuntersuchung zurückgreifen, und von zufällig ausgewählten 1006 Schwangeren, deren TSH-Werte im Nachhinein und nicht während der Schwangerschaft bestimmt worden waren.

Kriterien für ein gezieltes Screening waren eine Schilddrüsenfunktionsstörung mit und ohne L-Thyroxintherapie, eine positive Familienanamnese, eine Struma, ein insulinpflichtiger Diabetes mellitus oder andere Autoimmunkrankheiten wie Morbus Addison oder Zöliakie.

Der TSH-Schwellenwert für eine Intervention lag - in Anlehnung an die Internationalen Leitlinien der Endocrine Society - im ersten Trimenon bei 2,5 mIU/l und im 2. und 3. Trimenon bei 3 mIU/l (J Clin Endocrinol & Metab 2012; 97: 2543-2565).

Eine klinische Hypothyreose lag bei einem TSH-Wert über 10 mIU/l unabhängig von der Konzentration an freiem T4 sowie bei erhöhten TSH-Werten in Verbindung mit einem T4-Wert unter 9,7 pmol/l (etwa 7,5 μg/l) vor. Allerdings wurde nicht bei allen Teilnehmerinnen die Konzentration des freien T4 bestimmt.

Hypothyreose bei 1,1 Prozent

Der Anteil der Schwangeren mit trimenonspezifischer TSH-Erhöhung lag in der Gruppe mit gezieltem Screening bei 12,6 Prozent, in der Vergleichsgruppe bei 12,1 Prozent. Der Anteil von Frauen mit klinischer Hypothyreose betrug bei gezieltem Screening 1,1 Prozent, sonst 0,7 Prozent - ein nicht signifikanter Unterschied.

Die Ärzte schätzen nach Extrapolation auf die Ausgangzahl der Studiengruppe von 5524 Schwangeren, dass etwa 82 Prozent der Frauen mit erhöhten TSH-Werten durch ein gezieltes Screening nicht entdeckt worden wären. Sollte sich herausstellen, dass eine Therapie Schwangerer mit erhöhten TSH-Werten den Kindern zugutekommt, sei ein generelles Screening sinnvoll, so die Ärzte.

Solange es diese Daten nicht gebe, könne man sich schwerlich gegen die Empfehlungen der US-Gynäkologen und Geburtshelfer stellen, die für ein Screening nur bei Risikofaktoren plädieren, so Dr. Brian M. Casey von der Uni von Texas in Dallas in seinem Kommentar zur Studie (Obstet Gynecol 2014; 124(1): 8-9).

Granfors und ihre Kollegen merken schließlich an, dass der Verlauf der Schwangerschaften und Geburten in der Gruppe der Frauen mit normalen und mit erhöhten TSH-Werten bei generellem Screening gleich gewesen sei. Für eine abschließende Bewertung sei die statistische Aussagekraft der Studie in diesem Punkt jedoch nicht groß genug.

[05.08.2014, 16:59:35]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
bei der Gelegenheit fällt mir auf,
... dass das medizinische Interesse des Staates am Kind deutlich zugenommen hat,
vermute, weil es so selten geworden ist (gelbes Heft),
ich bin da bei meinem letzten Kind (nach Wohnungswechsel) sogar von so einem Ministerium angerufen worden,
die nette Dame sprach von ernster Verantwortung für mein Kind, das hat mich echt erschüttert.
Ich konnte ihr aber diese Verantwortung wieder abnehmen, mit dem Hinweis, dass diese Verantwortung schon das Ministerium eines anderen Bundeslandes übernommen hatte und möglicherweise die interministerielle Kommunikation nicht perfekt funktioniert haben könnte.
Allerdings ging es nicht um das Wohlbefinden des Kindes, ihrer Mutter schon gar nicht,
das sei ausschließlich die Angelegenheit des Arztes.

Gruß
von einem braven Untertan zum Beitrag »
[05.08.2014, 16:38:39]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Hallo verehrte Frau Irene Gronegger, Sie haben recht, nur dürfen Sie
.. nicht die Ärzte mit den Ärzten verwechseln.
Die geben sich doch bei der Schwangerschaftsbetreuung nun wirklich die größte Mühe.
Aber Sie sollten doch allmälig unser deutsches System kennen,
da muss es doch immer irgend eine Kommission geben, auch Ärzte genannt,
die den anderen Ärzten sagt, warum man eine vernünftige Behandlung nicht machen sollte.
Insbesondere deshalb muss doch die psychotherapeutische Kompetenz der Ärzte verbessert werden,
damit sie den Patienten erklären können, dass sie glücklich sein müssen, weil sie die eine odere andere sinnvolle Behandlung NICHT erhalten können (aus Kostengründen).
Noch eindrucksvoller ist natürlich eine Ethikkommission. zum Beitrag »
[05.08.2014, 13:26:18]
Irene Gronegger 
Alles nur fürs Kind?
Ein Screening ist also nur sinnvoll, wenn sich nachweisen lässt, dass es "den Kindern" zugute kommt. Die Frage, ob es den Schwangeren selbst besser geht und die Geburt besser verläuft oder Depressionen im Wochenbett weniger werden, wenn eine Tendenz zur Unterfunktion frühzeitig behandelt wird, ist anscheinend nicht relevant? Wird die Schwangere unter Medizinern vor allem als Brutkasten verhandelt?

Wenn man bedenkt, wie weit verbreitet die Hashimoto-Thyreoiditis mittlerweile ist, wäre das bereits ein Argument für ein TSH- und AK-TPO-Screening - zumindest bei Schwangeren sowie bei den nahen Angehörigen von Schilddrüsenkranken. Auf diese Weise könnten viele Betroffene frühzeitig von ihrer Krankheit erfahren, eher behandelt werden und jodhaltige Kontrastmittel vermeiden. Aber vielleicht sollen die Betroffenen gar nicht so früh Bescheid wissen?

Leider gibt es in Deutschland keine wissenschaftlich unabhängige Endokrinologie, weil die Fachgesellschaft offenbar Rücksicht auf ihre abhängigen Kollegen aus der PR-Kampagne "Arbeitskreis Jodmangel" nimmt: Ein Kreis von Sponsoren und Ärzten, die sich mit der Abschaffung des Jodmangelkropfs ein glänzendes Denkmal in der Medizingeschichte schaffen möchten. Da stört die Hashimoto-Thyreoiditis das Bild vom guten Jod, das uns allen eine gesunde Schilddrüse garantieren soll: Bloß keine schlafenden Hunde wecken.

Freundliche Grüße
Irene Gronegger
Ratgeber-Autorin zum Beitrag »

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