Ärzte Zeitung App, 27.11.2014

Schilddrüsen-Screening

Nutzen ist weiterhin unklar

Hilft das Schilddrüsen-Screening dabei, Erkrankungen früh zu erkennen und zu behandeln? Oder schadet es vielleicht sogar mehr als es nutzt? Auch neueste Studien konnten darauf bislang keine eindeutigen Antworten liefern.

Von Peter Leiner

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Ob das Schilddrüsen-Screening die Morbidität oder Mortalität verringert, ist noch immer unklar.

© Alexander Raths/fotolia.com

PORTLAND/USA. Im Jahr 2004 hatte die USPSTF konstatiert, dass die Datenlage für eine Empfehlung für oder gegen ein Schilddrüsen-Screening bei asymptomatischen Männern und nicht schwangeren asymptomatischen Frauen nicht ausreiche.

Allerdings stellte die Arbeitsgruppe damals unter anderem fest, dass eine subklinische Hypothyreose ein Risikofaktor für die Entwicklung einer manifesten Schilddrüsenerkrankung ist.

Der klinische Effekt wird erforscht

Unklar blieb aufgrund der damaligen Studienlage, welchen klinischen Effekt eine frühzeitige Therapie hat. Trotz des Statements von 2004 stiegen die Ausgaben für Schilddrüsenpräparate in den USA zwischen 2006 und 2010 von knapp 50 Millionen auf mehr als 70 Millionen US-Dollar, wie Dr. J. Bruin Rugge von der Universität in Portland und seine Kollegen berichten (Ann Intern Med 2014; online 28. Oktober).

Im Wesentlichen bestätigen die aktuellen Auswertungen von Studien, die zwischen 2002 und Mitte 2014 veröffentlicht worden waren, die Beobachtungen von damals.

Nach Angaben der Wissenschaftler existieren bis heute keine Studien, die eine klare Antwort auf die beiden Fragen geben könnten, ob das Screening auf Schilddrüsenfunktionsstörungen die Morbidität oder Mortalität verringert und ob ein solches Screening irgendwelche Risiken birgt.

Sinken Morbidität und Mortalität?

Zur Beantwortung der Frage, ob eine Behandlung von Patienten, bei denen durch ein Screening eine manifeste oder subklinische Schilddrüsenstörung entdeckt worden ist, Morbidität und Mortalität senken, gibt es offenbar lediglich Studien mit mittelmäßiger oder gar mangelhafter Qualität, etwa weil sie zu kurz oder zu klein waren.

Dies gilt auch für Studien zur Frage, welche Risiken eine Behandlung von Patienten birgt, deren Schilddrüsendysfunktion bei einem Screening entdeckt worden ist. Keine Studie konnte nach Angaben der Forscher belegen, dass eine Behandlung im Vergleich zu keiner Behandlung die Lebensqualität, kognitive Funktion, den Blutdruck oder den BMI verbessert.

Studienergebnisse uneinheitlich

Es gebe zwar Hinweise, so die Wissenschaftler, dass bei Patienten mit subklinischer Hypothyreose - definiert als ein TSH-Wert zwischen 4,1 und 11,0 mIU/l - die Schilddrüsentherapie einen positiven Effekt auf das Gesamtcholesterin und auf die LDL-Werte habe, doch seien die dokumentierten Studienergebnisse uneinheitlich und die klinische Bedeutung der daraus gewonnenen Erkenntnisse unklar.

Die einzige Studie, in der ein positiver Effekt einer Schilddrüsenbehandlung auf kardiovaskuläre Ereignisse festgestellt worden sei, sei eine Beobachtungsstudie gewesen - und somit bestehe aufgrund der Studienart die Möglichkeit von Verzerrungen der Resultate.

Für ihre Untersuchung stützten sich Rugge und seine Kollegen ausschließlich auf englischsprachige Publikationen, wie sie einschränkend betonen. Dies begrenzt die Aussagekraft der Untersuchung. Außerdem hätten viele Studien methodische Unzulänglichkeiten gehabt, schreiben die US-amerikanischen Wissenschaftler.

Am besten seien Vergleichsstudien vom Typ "Screening versus Nicht-Screening", für die allerdings sehr viele Patienten und eine lange Studiendauer nötig seien. Sinnvoll sei es deshalb, zunächst Studien zu machen, in denen der Erfolg einer Behandlung der während eines Screenings entdeckten Patienten mit subklinischer Hypothyreose im Vergleich zu Placebo oder zu keiner Behandlung geprüft wird.

[28.11.2014, 00:53:51]
Irene Gronegger 
Von welchen Erkrankungen reden wir hier eigentlich?
Die häufigste Ursache einer Tendenz zur Unterfunktion ist die Hashimoto-Thyreoiditis, die im Artikel der Ärztezeitung gar nicht erwähnt ist. Warum werden die erhöhten TSH-Werte und die möglichen Konsequenzen nicht getrennt nach den jeweiligen Ursachen diskutiert? Es ist doch nicht egal, warum ein TSH-Wert angestiegen ist.

Ärzte sollten sich bemühen, eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse frühzeitig zu erkennen, anstatt die Betroffenen jahrelang damit hinzuhalten, dass der TSH-Wert ja gerade noch irgendwie normal ist, und wenn nicht, dass das auch nicht schlimm ist, und die Symptome wohl von der Psyche kommen werden. Es ist nicht die Aufgabe von Ärzten, ihre Patienten zu paternalisieren und vor der Wahrheit zu schützen.

Wer eine Hashimoto-Thyreoiditis hat, sollte auch deshalb frühzeitig davon erfahren, weil jodreiche Präparate und jodhaltige Kontrastmittel gemieden werden sollen. Hohe Joddosen können nämlich nicht nur eine Hashimoto-Thyreoiditis verschlechtern, sondern auch einen Wechsel zu Morbus Basedow auslösen. Das ist unbestritten, die Frage ist lediglich, welche Jodmengen es dafür braucht. Bei Frauen im gebärfähigen Alter kommt bei unbehandeltem Hashimoto das erhöhte Fehlgeburtsrisiko hinzu, weil die geschädigte Schilddrüse den steigenden Hormonbedarf oft nicht ausreichend ausgleichen kann. wie viele Fehlgeburten sind bis zur Diagnose zumutbar?

Ärzte wollen deutlich mehr verdienen als andere Akademiker, weil sie angeblich mehr Verantwortung tragen. Beim Thema Hashimoto merke ich leider noch wenig davon - hier wird noch zu sehr beschwichtigt.

Wenn der Nutzen eines TSH-Screenings tatsächlich so fragwürdig ist wie hier dargestellt, müssen wir dringend über ein zusätzliches AK-TPO-Screening reden.

Freundliche Grüße
Irene Gronegger
Ratgeber-Autorin
www.schilddruesen-unterfunktion.de zum Beitrag »

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