Ärzte Zeitung, 01.02.2008

Libidomangel? Fragebogen erleichtert das Gespräch

Vielen Frauen nach Ovarektomie ist es peinlich, über das Schwinden der Lust zu sprechen / Strukturiertes Vorgehen hilft Ärzten zum Einstieg

HAMBURG (hbr). Frauen mit schwindender Lust auf Sex könnte oft geholfen werden. Doch die meisten von ihnen trauen sich nicht, das Thema in der Praxis anzusprechen. Und den Ärzten ist es auch oft peinlich. Strukturiertes Vorgehen und ein Fragebogen können die Situation entkrampfen.

"Ich hab' mich nicht getraut", sagt Frau S. Ihr wurden im Alter von 34 Jahren beide Eierstöcke und die Gebärmutter entfernt. Danach verschwand auch die Libido. "Ich habe immer gehofft, dass mich mein Frauenarzt mal auf dieses Thema anspricht." Damit ist Frau S. nicht allein, wie Daten von 1200 Frauen belegen. Mehr als zwei Dritteln der Befragten ist das Gespräch darüber peinlich. Aber drei von vier würden darüber reden, wenn ihr Arzt sie danach fragen würde.

Abgesehen von den Schamgefühlen hegen die Patientinnen auch Zweifel, ob das Thema wichtig ist, sagte Professor Johannes Bitzer von der Universität Basel. Dabei geht es doch um ein Grundbedürfnis des Menschen. Zudem sorgen sie sich um ihren Arzt: Sie fürchten, es könne auch ihm peinlich sein. Oder er habe gar nicht die Zeit für solche Fragen.

Damit liegen sie nicht mal verkehrt: Tatsächlich plagt Ärzte bei diesem Thema oft die Furcht, zu viel Zeit zu verlieren. Was, um Himmels willen, tut man, wenn die Patientin bei diesem sensiblen Thema ins Reden kommt und kein Ende findet? Dazu gesellt sich ein Gefühl von Hilflosigkeit, Angst vor der Nähe zur Patientin und vor Überforderung. Und die Unsicherheit, wie man am besten in das Gespräch einsteigt.

Die Meisten würden sprechen, wenn sie gefragt würden.

Solche Hürden lassen sich durch strukturiertes Vorgehen bewältigen, so der Gynäkologe und Psychiater bei einer Veranstaltung von Procter & Gamble in Hamburg: Zunächst sollte die Patientin ihre Probleme beschreiben, bevor der Arzt beginnt, das Problem durch Fragen einzugrenzen, etwa mit Hilfe des B-PFSF (Profile of Female Sexual Function)-Fragebogens. Es werden mögliche Gründe für den Libidomangel abgeklopft, etwa Hormonmangel oder Beziehungsprobleme. Anschließend legen Arzt und Patientin das Therapieziel fest, besprechen Lösungswege von der Hormongabe bis zur Sexualtherapie und notieren die nächsten Schritte.

Der Fragebogen vermittelt den Frauen das Gefühl, das Problem sei etwas Bekanntes und nicht peinlich. "Fragebögen signalisieren Objektivität und schaffen Distanz", sagte Bitzer. "Das ist vielen eine große Hilfe." Die Patientinnen beantworten sieben Fragen zu ihren sexuellen Gefühlen und den sexuellen Aktivitäten in den letzten zwei bis drei Monaten. Gefragt wird zum Beispiel, wie häufig die betreffende Frau in der Zeit Lust auf Sex hatte oder ob sie oft unglücklich über ihr sexuelles Desinteresse war. Weniger als 21 von 35 Punkten weisen auf Libidomangel hin. Einige Frauen ziehen allerdings das direkte Gespräch vor.

Auch das Benennen von Hemmungen zu Beginn des Gesprächs kann diese bereits lindern. Ein Türöffner wäre beispielweise: "Es fällt manchen Menschen schwer, über Sexualität zu reden ..." Oder man signalisiert ängstlichen Patientinnen, dass man sich erst die Erlaubnis zum Gespräch einholen möchte: "Wenn Sie einverstanden sind, würde ich Ihnen gerne noch einige Fragen zur Sexualität stellen."

Wichtig ist auf jeden Fall, zu erklären, warum man das Thema angeht. Sonst sind die Patientinnen verunsichert. So hilft nach einer Entfernung des Uterus mit Ovarektomie der Hinweis, dass als Folge der Operation der Testosteronspiegel sinken und die Lust nachlassen kann, das Problem sich aber durch Hormongabe (etwa über das Testosteron-Pflaster Intrinsa®) oft lösen lässt.

Der B-PFSF-Fragebogen zu Libidomangel ist im Internet erhältlich unter www.intrinsa.de/professional/pfsf.jsp

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