Ärzte Zeitung online, 13.08.2010

Bringt Testosteron Herzkreislauf-Kranken mehr Schaden als Nutzen?

BOSTON / WIESBADEN (mal). Zumindest bei älteren, chronisch kranken Männern könnte die Anwendung eines Testosteron-Gels zur Stärkung der Muskelkraft mehr schaden als nützen. Das lässt sich aufgrund einer neuen, vorzeitig abgebrochene Studie diskutieren. Besonders bei Männern mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko sollten Ärzte die Indikation zur Testosterontherapie deshalb gründlich prüfen, rät die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

Bringt Testosteron Herzkreislauf-Kranken mehr Schaden als Nutzen?

Ältere und chronisch kranke Männern: Testosteron könnte ihnen mehr schaden als nutzen.

© Andrew Gentry / fotolia.com

Bekannt ist, dass die Behandlung gesunder älterer Männer mit Testosteron die Masse ihrer Muskeln steigert und stärkt, bestätigt die DGIM. Da Männer mit dem Alter an körperlicher Kraft und Beweglichkeit verlieren und zugleich die Testosteronwerte sinken (Hypogonadismus), lag es nahe, zu prüfen, ob sie von einer Testosteron-Therapie profitieren.

Das sollte in der TOM-Studie (Testosterone in Older Men with Mobility Limitations) geprüft werden. Studienteilnehmer waren Männer über 65 Jahre mit leicht verringerten Testosteronwerten (Gesamttestosteron 3,5 bis 12,1 nmol pro Liter; freies Testosteron unter 173 pmol pro Liter). Die Probanden waren nicht in der Lage, weiter als zwei Häuserblocks zu gehen oder zehn Treppenstufen zu steigen. Zudem waren viele von ihnen bereits erkrankt: Mehr als 80 Prozent hatten Bluthochdruck, rund die Hälfte waren extrem übergewichtig und ebenfalls gut die Hälfte litt unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Ärzte gaben den Teilnehmern entweder ein Testosteron-Gel oder aber als Kontrolle ein Gel ohne Wirkstoffe. Beides sollten sie über einen Zeitraum von sechs Monaten täglich auftragen.

Die mit Testosteron behandelten Teilnehmer hatten nach zwölf Wochen eine höhere Bein- und Armkraft als die mit dem Placebo therapierten Männer. Bevor jedoch alle Männer in die Auswertung eingeschlossen werden konnten, brachen die Forscher bei einer Zahl von 209 Probanden die Studie ab. Denn bei 23 der mit Testosteron behandelten 106 Männer kam es zu Herz-Kreislauf-Ereignissen wie Kreislaufkollaps, Ödemen, Herzrhythmusstörungen oder einem Schlaganfall. Ein Teilnehmer starb an einem Herzinfarkt. In der 103 Personen zählenden Kontrollgruppe hatten dagegen nur fünf Männer ein solches kardiovaskuläres Ereignis (NEJM 2010; 363: 109).

Eine andere aktuelle Metaanalyse dieser Art habe kein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko einer Testosterontherapie ergeben, so die DGIM. Deshalb seien weitere Studien notwendig, um auch ältere Patienten mit Hypogonadismus zu berücksichtigen. Denn mit Hypogonadismus einher gehen unter anderem Blutarmut, verminderte Libido, Knochenschwund und Depression. Bei sehr ausgeprägtem Testosteronmangel erhöhe eine Therapie mit dem Sexualhormon mitunter erheblich die Lebensqualität.

Die aktuellen Studienergebnisse sollten nicht zur Folge haben, dass Patienten eine Testosterontherapie vorenthalten werde, wenn sie diese dringend benötigen, so der DGIM-Vorsitzende Professor Hendrik Lehnert aus Lübeck.

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