Kongress, 29.04.2014

Hypogonadismus

Viele Diabetiker haben Testosteron-Mangel

Bei einem Viertel bis der Hälfte der übergewichtigen Diabetiker liegt ein Hypogonadismus vor. Bei ihnen ist die wirksamste Therapie zugleich die schwerste: Abnehmen. Eine Behandlung senkt zudem die Sterberate.

Von Angela Speth

Viele Diabetiker haben Testosteron-Mangel

Eine sorgfältige Anamnese ist wichtig, um Hinweise auf einen Diabetes-assoziierten Hypogonadismus zu bekommen.

© klaro

WIESBADEN. In den letzten Jahren sei die Zahl der Testosteron-Verschreibungen stark gestiegen, berichtete Dr. Cornelia Jaursch-Hanckebeim Internistenkongress in Wiesbaden.

"Low T", wie der Hypogonadismus manchmal salopp genannt werde, habe in den letzten Jahren große Aufmerksamkeit auf sich gezogen und Testosteron sich als Biomarker für Gesundheit und Lebenserwartung etabliert: "Wir Endokrinologen sind froh über diese Entwicklung, denn lange wurde das Thema unter den Teppich gekehrt."

Keine reine Befindlichkeitsstörung

Dabei ist der Hypogonadismus nicht einfach eine Befindlichkeitsstörung mit verminderter Lebensqualität, sondern hat sogar eine erhöhte Mortalität zur Folge. In einer Studie mit 1031 Teilnehmern - Gesamt-Testosteron unter 250 ng/dl, BMI im Schnitt 33, Alter 61 Jahre - waren während der 40 Monate Beobachtungszeit zehn Prozent der Testosteron-behandelten, aber 21 Prozent der unbehandelten Patienten gestorben.

Das klinische Kernsymptom des Hypogonadismus ist die verminderte Libido, es kann von weiteren, ebenfalls unspezifischen Beschwerden begleitet sein wie Osteoporose, Anämie, erektiler Dysfunktion, Muskelschwäche, Fettdepots und Depressionen.

Zur Sicherung der Diagnose ist eine mindestens zweimalige Bestimmungen des Testosterons notwendig. Hinzu kommt, dass die Werte intraindividuell stark schwanken, und zwar je nach körperlicher Aktivität, Erkrankungen, Ernährung, Körpergewicht und vor allem der Tageszeit (circadiane Rhythmik), weshalb die Blutabnahme standardisiert zwischen 7 und 11 Uhr morgens erfolgen sollte.

Darüber hinaus variieren die Werte auch zwischen einzelnen Personen (interindividuell) beträchtlich. So liegt der Normbereich fürs Gesamt-Testosteron zwischen 2,4 und 8,3 ng/ ml, für freies Testosteron zwischen 5,6 und 27 pg/ml, für Sexualhormon-bindendes Globulin (SHBG) zwischen 13 und 55 nmol/l.

Häufigkeit des Alters-Hypogonadismus wird überschätzt

Allgemein unterschied Jaursch-Hancke, Ärztin an der Stiftung Deutsche Klinik für Diagnostik in Wiesbaden, den primären Hypogonadismus durch verminderte oder fehlende Testosteronproduktion in den Hoden, etwa beim manchmal erst in höherem Lebensalter entdeckten Klinefelter-Syndrom, und sekundäre Formen bei Hypophysen-oder Hypothalamus-Störungen etwa durch Tumoren.

Weitere Formen mit LH/FSH-Spiegeln im normalen bis niedrigen Bereich sind der Alters-Hypogonadismus und der mit Übergewicht und Diabetes assoziierte Hypogonadismus. Erniedrigtes Testosteron könnte hier die Insulinresistenz verstärken, aber auch die Konsequenz der Dysglykämie sein. Offensichtlich jedenfalls handele es sich um eine reversible funktionelle Suppression. Die Häufigkeit des Alters-Hypogonadismus werde überschätzt.

Der EMAS-Studie in acht europäischen Ländern zufolge beträgt die Prävalenz 0,1 Prozent in der Altersgruppe 50 bis 59 Jahre, 3,2 Prozent bei den 60- bis 69-Jährigen und 5,1 Prozent bei den 70- bis 79-Jährigen.

Risiken nicht ausreichend geprüft

Bei gesicherter Diagnose ist eine Testosteron-Therapie bei primärem und sekundärem Hypogonadismus etabliert, bei den Alters- und Diabetes-assoziierten Formen kann sie erwogen werden. Sie fördert Mobilität, Fettschmelze und Muskelkraft, wobei die Risiken noch nicht ausreichend untersucht sind.

Jaursch-Hancke empfahl vor Therapiebeginn Blutbild und Hämatokrit, digitalen Prostata-Check und PSA-Bestimmung, die nach drei bis sechs Monaten wiederholt werden sollte.

Bei KHK-Patienten sei nach neuen Daten Vorsicht geboten, noch sei aber nicht definitiv entschieden, ob die Hormonbehandlung das kardiovaskuläre Risiko tatsächlich erhöht.

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