Ärzte Zeitung online, 07.08.2008

Deutschland erstmals tollwutfrei

MAINZ (dpa). Deutschland gilt erstmals als tollwutfrei. Auch der letzte Seuchenherd im Südwesten sei mit umfangreichen Impfaktionen für Füchse erfolgreich bekämpft worden, teilten die Länder Rheinland- Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg mit. Jetzt werde der gefährdete Bezirk entsprechend den Kriterien der Internationalen Tierseuchenorganisation (OIE) aufgehoben.

 Deutschland erstmals tollwutfrei

Foto: Chiron Vaccines Behring

Bundesweit wurde die Infektionskrankheit bei einem Fuchs zum letzten Mal am 3. Februar 2006 in Nackenheim bei Mainz amtlich festgestellt. Bei umfangreichen Kontrollen registrierten Experten nach den Angaben anschließend keine weiteren Krankheitsfälle mehr. In Baden-Württemberg endeten die Impfungen im Herbst 2007, in Rheinland-Pfalz und Hessen im Frühling 2008. Zur Sicherheit sollen die Kontrollen von Füchsen in den kommenden Jahren aber noch fortgesetzt werden.

Nur bei Fledermäusen komme in Deutschland vereinzelt noch Tollwut vor, erläuterte das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI/Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit) auf der Insel Riems. Dabei handele es sich jedoch um einen anderen Erreger. Deutschland erfülle daher die OIE-Kriterien für Tollwutfreiheit. Das Fledermausvirus sei zwar eng verwandt mit dem Fuchsvirus und auch für Menschen ansteckend, das Übertragungsrisiko durch Fledermäuse sei aufgrund ihrer Nahrungsvorlieben jedoch deutlich geringer.

Das Institut hatte bereits zuvor mitgeteilt, dass die Auslegung von Fuchsködern in Deutschland nach einem Vierteljahrhundert flächendeckend zum Erfolg geführt habe. Nach früheren vergeblichen und fragwürdigen Bekämpfungsversuchen etwa mit Sterilisation, Giftködern, Fallen und Fuchsbaubegasung brachte erst die Entwicklung von Lebendimpfstoffen den Durchbruch.

Bei den ersten Impfködern handelte es nach Angaben des FLI noch um Hühnerköpfe mit Impfkapseln. Später verteilten Flugzeuge großflächig industriell hergestellte Köder. In der Folge sank die Zahl der Tollwutfälle deutlich.

Während Deutschlands Nachbarstaaten wesentlich früher tollwutfrei wurden, erwies sich die föderale Struktur der Bundesrepublik laut FLI als Hindernis. Unterschiedliche Strategien und teils verfrühte Entwarnungen in einzelnen Bundesländern hätten einen rascheren Erfolg verhindert. Zwar blieb schließlich um das Jahr 2002 bundesweit nur noch ein Infektionsherd in Südhessen übrig. Doch drang die Tollwut danach von dort aus wieder in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ein.

Erst eine neue länderübergreifende Abstimmung und Verbesserung der computergesteuerten Impfstrategie tilgten diesen letzten Tollwutherd. Allein Rheinland-Pfalz brachte nach Angaben des Mainzer Umweltministeriums von 2004 bis 2008 per Flugzeug und auch mit der Hand mehr als 1,7 Millionen Impfköder aus und zahlte für diese Aktionen fast 1,3 Millionen Euro.

Stichwort Tollwut

Hauptüberträger der Tollwut in Deutschland waren Füchse. Menschen können sich durch direkten Kontakt mit dem Speichel erkrankter Tiere anstecken. Kurz nach dem Biss ist eine Impfung noch sinnvoll. Wenn die Krankheit erst einmal ausgebrochen ist, endet sie bei Menschen praktisch immer tödlich.

Nach der Infektion wandert das Virus über die Nervenbahnen zum Rückenmark und ins Gehirn. Es kommt zu Krämpfen der Schluck- und Atemmuskulatur, Durst, starkem Speichelfluss und Herzlähmung. Weltweit gibt es nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO jährlich 40 000 bis 70 000 Todesfälle durch Tollwut-Infektionen. Schwerpunkte sind Afrika und Asien. Mit über 30 000 Tollwuttoten gehört Indien zu den am stärksten betroffenen Ländern. Für Reisende, die sich längere Zeit in asiatischen Ländern aufhalten, wird eine Tollwutimpfung empfohlen. Hauptüberträger in diesen Ländern sind Hunde. Um das Virus zu übertragen, müssen die Tiere nicht einmal beißen: Es genügt bereits, wenn sie Hautstellen ablecken und das Virus über Mikroverletzungen in den Körper eindringt.

In Deutschland sind 2005 drei Patienten nach einer Organtransplantation an Tollwut gestorben. Sie hatten Organe einer Frau erhalten, die sich auf einer Indienreise mit dem Virus infiziert hatte.

(mut)

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