Ärzte Zeitung, 07.06.2005

Frauen reagieren auf HIV-Therapie anders

Frankfurter HIV-Therapeutin macht auf geschlechsspezifische Unterschiede der Behandlung aufmerksam

WIEN (awa). Bisher gibt es nur wenige und teilweise widersprüchliche Daten über geschlechtsspezifische Unterschiede zur Wirksamkeit und Sicherheit antiretroviraler Substanzen. HIV-Medikamente scheinen bei Frauen und Männern zwar ähnlich wirksam zu sein, aber sie verursachen bei Frauen deutlich mehr unerwünschte Wirkungen.

Weltweit sind fast genauso viel Frauen wie Männer mit HIV infiziert. In Deutschland sind mittlerweile ein Viertel aller HIV-Infizierten Frauen.

Progression der HIV-Krankheit bei Frauen und Männern gleich

Bisher würden Unterschiede in der Therapie bei Frauen mit HIV häufig nur auf den Aspekt Schwangerschaft reduziert, dabei gebe es noch andere wichtige Unterschiede, die berücksichtigt werden müßten, sagte Dr. Annette Haberl aus Frankfurt am Main beim deutsch-österreichischen Aids-Kongreß in Wien.

Die Progression der Infektion verlaufe bei Frauen und Männern nicht unterschiedlich, auch wenn Frauen im Vergleich zu Männern in den ersten Jahren der Infektion eine höhere CD4-Zellzahl und weniger Viren im Blut haben. Frauen sprechen Haberl zufolge auf eine antiretrovirale Therapie virologisch, immunologisch und klinisch weder besser noch schlechter an als Männer. Dies habe die Auswertung einer italienischen Studie ergeben, die mit 700 Frauen von insgesamt 2000 HIV-Patienten einen relativ hohen Frauenanteil hat.

Allerdings: Die Rate unerwünschter Wirkungen sei bei Frauen deutlich höher als bei Männern, hob Haberl hervor. Der Grund sei wahrscheinlich eine unterschiedliche Pharmakokinetik der Medikamente bei Frauen, allerdings würden Langzeitstudien zu geschlechtsspezifischen pharmakokinetischen und pharmakodynamischen Wirkungen der HIV-Medikamente bisher fehlen.

Bisherige Daten haben ergeben, daß die Toxizitäten hervorrufenden Plasma-Spitzenspiegel etwa von Proteasehemmern bei Frauen durchschnittlich höher ist als bei Männern. Das schlägt sich im klinischen Alltag nieder: Frauen brechen eine HIV-Therapie 1,4fach häufiger wegen unerwünschter Wirkungen ab als Männer. Bei Frauen ist generell die mitochondriale Toxizität der nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Hemmer trotz gewichtsadaptierter Dosis stärker ausgeprägt, die Rate der Neuropathien, Überempfindlichkeitsreaktionen und Pankreatiden deutlich höher als bei Männern. Auch Proteasehemmer verursachen bei Frauen häufiger gastrointestinale Symptome und allergische Reaktionen.

Besonders schwierig in der Behandlung von HIV-positiven Frauen im gebärfähigen Alter sei zur Zeit die Applikation nicht-nukleosidischer Hemmstoffe (NNRTI), so Haberl. Der einfach einzunehmende Hemmer Nevirapin ist eigentlich gut verträglich und wirkt auf Embryonen nicht toxisch. Doch aktuelle Daten belegten für Frauen ein dreifach höheres Risiko für eine Hepatotoxizität im Vergleich zu Männern. Für Frauen mit einer CD4-Zellzahl über 250 pro Mikroliter ist das Risiko für eine Hepatotoxizität im Vergleich zu Frauen mit weniger als 250 CD4-Zellen sogar zwölf mal höher.

Der zweite verfügbare NNRTI-Hemmer Efavirenz wirke dagegen im ersten Drittel der Schwangerschaft teratogen. Patienten sollten daher mindestens zwei Verhütungsmethoden anwenden.

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