Ärzte Zeitung, 03.02.2006

In zehn Jahren könnte Heilung HIV-Infizierter möglich sein

Kongreß-Präsident der Münchner AIDS-Tage, Dr. Hans Jäger, hält Viruselimination für möglich / Hausärzte für Betreuung immer wichtiger

NEU-ISENBURG (ple). Der Erfolg der Versorgung HIV-Infizierter spiegelt sich darin wider, daß es gelungen ist, mit Hilfe der antiretroviralen Medikamente die Infektionskrankheit zu einer chronischen Erkrankung wie Diabetes oder Hypertonie zu machen. Es gibt inzwischen Hinweise, daß sogar eine Heilung möglich ist und das Virus vollständig aus dem Körper eliminiert werden kann.

"Ich glaube, daß wir eine Heilung in den nächsten zehn Jahren bekommen werden", hat der HIV-Therapeut Dr. Hans Jäger aus München, Kongreß-Präsident der heute beginnenden 11. Münchner AIDS-Tage, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" gesagt.

Tatsächlich hat eine erste Studie dazu im Herbst 2005 - wie berichtet - belegt, daß es möglich ist, HIV aus ruhenden Lymphozyten zu eliminieren, in denen das Virus vor antiretroviralen Medikamenten geschützt ist (Lancet 366, 2005, 549). "Wenn das auch bei einer größeren Zahl von Patienten belegt werden kann, dann haben wir schneller die Heilung als einen Impfstoff", so Jäger.

Patienten können Jahrzehnte lang vor Aids bewahrt werden

Wenn auch derzeit noch keine Heilung HIV-Infizierter möglich ist, so ist es doch mit Hilfe der antiretroviralen Medikamente gelungen, HIV-Infizierte - anders als noch vor 20 Jahren - vor einer Aids-Erkrankung und dem vorzeitigen Tod zu bewahren. Dieser Fortschritt bedeutet aber auch, daß die Patienten auch jene Erkrankungen bekommen, die in der übrigen Bevölkerung durch das Altern auftreten.

"Älter werden mit HIV" ist deshalb auch einer der Schwerpunkte auf der Tagung in München. Die HIV-Infizierten müssen also auch wegen Erkrankungen behandelt werden, die nichts mit der Infektionskrankheit zu tun haben, etwa Herzkreislauferkrankungen oder maligne Erkrankungen, zum Beispiel dem Bronchialkarzinom.

Jäger: "HIV-Infizierte, die medizinisch versorgt werden, sterben heute nicht mehr an HIV, sondern mit HIV. Die Todesfälle, die wir sehen, sind Folgen von Herzkreislauf-Erkrankungen und manchmal auch von einer Koinfektion mit Hepatitis-Viren." Bei einer Koinfektion und einer Leberzirrhose können die Patienten zudem die antiretroviralen Medikamente nicht mehr so wie erforderlich einnehmen, weil diese Medikamente fast alle über die Leber abgebaut werden.

Zahl der Neuinfektionen mit HIV ist deutlich gestiegen

Die Betreuung der HIV-Infizierten erfolgt bisher vorwiegend in HIV-Schwerpunktpraxen. Inzwischen habe sich herausgestellt, daß Hausärzte zunehmend wichtig für die Betreuung der Patienten parallel zum Angebot der Schwerpunktpraxen seien, so Jäger: "Ärzte in niedergelassenen Schwerpunktpraxen und Hausärzte, die im Umfeld mitarbeiten, sind bessere Partner als manchmal schnell wechselnde Ärztestrukturen in Ambulanzen, vor allem vor dem Hintergrund, daß nicht mehr über einen Zeitraum von vier Jahren, sondern von vier Dekaden gedacht werden muß."

So hoffnungsvoll die Entwicklung der medizinischen Versorgung HIV-Infizierter ist, so beunruhigender ist derzeit die epidemiologische Entwicklung in Deutschland. Denn wie berichtet, ist die Zahl der HIV-Neuinfektionen im vergangenen Jahr mit 2600 deutlich höher als im Vorjahr gewesen. In den vergangenen Jahren lag die Inzidenz bei etwa 2000 Neuinfektionen pro Jahr.

"Überproportional stark ist die Zahl der Neuinfektionen in der Gruppe der schwulen Männer gestiegen, bei denen wir sehen, daß das vorher vorbildliche Präventionsverhalten so langsam entschwindet", sagte Jäger: "Wir erreichen heute mit den bisherigen Präventionsbotschaften, die durchaus erfolgreich waren, große Gruppen von schwulen Männern nicht mehr ausreichend oder jedenfalls nicht mehr effektiv." Wegen dieser Entwicklung sollen bei der Tagung in München in mehreren Workshops die Gründe dafür und neue Präventionsstrategien diskutiert werden.

Warum haben sich jetzt wieder mehr homosexuelle Männer mit dem Aids-Erreger angesteckt? Nach Angaben von Jäger könnte ein Grund sein, daß durch Enttraumatisierung und Normalisierung der HIV-Krankheit mit der schwindenden Angst vor dieser früher tödlichen Erkrankung die Motivation, sich zu vor der Infektion zu schützen, verkleinert worden ist.

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